Achtsamkeit – eine kritische Reflexion

-Auf die Schnelle-

Einführung:

Professionell Pflegende, wie auch Pflegende Angehörigen sind in der Pflege- und Care-Arbeit enorm gefordert und leiden oftmals an chronischen Stress und Erschöpfung. Einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse hierzu bietet hier eine Studie von PsychologInnen und MedizinerInnen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) aus dem Jahre 2020. (1)

Im Fazit für die (Pflege-)Praxis stellen die AutorInnen fest: „Trainings zu Resilienz und Selbstfürsorge können Pflegekräfte dazu befähigen, besser mit Arbeitsanforderungen umzugehen.“

Neben Entspannungsübungen, wie dem Autogenen Training wird das Thema „Achtsamkeit (mindfulness)“ und entsprechende Angebote von kommerziellen Anbietern, aber auch gesetzlichen, und privaten Krankenkassen intensiv geworben. Die wachsende Aufmerksamkeit belegt eine Suche über die Meta-Datenbank „PubMed“: Seit zwanzig Jahren nehmen die Publikationen kontinuierlich zu, allein 2021 wurden über 3400 Studien und Artikel zum Thema veröffentlicht. Dies ist auch über die Plattform „Web of Science (WoS)“ nachweisbar. (2)

Im Jahr 2014 rief das amerikanische Time-Magazin auf seinem Cover die „Mindful Revolution“ aus. (3)

Bereits seit 1990er Jahren versuchen Unternehmen über Meditationsangebote, ArbeiterInnen bei der Stressreduktion zu helfen und ihre Produktivität branchenübergreifend zu steigern. Die Sensibilität für (chronischen) Stress bis hin zu psychosomatischen Erkrankungen nimmt laut dem BKK-Gesundheitsreport von 2019 stetig zu. Dies auch, da psychische Erkrankungen zu den häufigsten Ursachen von Fehlzeiten aller Beschäftigen gehören. (4) Laut dem Gesundheitsreport der Techniker-Krankenkasse waren Pflegende besonders von Covid-Erkrankungen in den unterschiedlichen Erkrankungs-Wellen und den hiermit verbundenen Maßnahmen betroffen. (5) Eine vergleichsweise kostengünstige Maßnahme zur betrieblichen Gesundheitsförderung sind Kurse zu Meditation und Achtsamkeit.

Ursprung

Achtsamkeit und Meditation haben ihre Wurzeln in der buddhistischen Lehre. Achtsamkeit (in den Sprachen Pali: sati, Sanskrit: smṛti) ist die im frühen Buddhismus am ausführlichsten beschriebene und praktizierte Form der Meditation. (6) In den verschiedenen buddhistischen Traditionen finden sich unterschiedliche Zugänge zur Meditation und Achtsamkeitsübungen. Bald nach dem Tod des Buddha vor rund 2500 Jahren bildete sich eine Vielzahl von buddhistischen Richtungen, die die Lehren unterschiedlich auslegen.

In den westlichen Industrienationen ist das Üben von „Achtsamkeit“ durch den Einsatz im Rahmen verschiedener Psychotherapiemethoden bekannt geworden. Der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn verspricht in seinen Vorträgen und Büchern, dass Achtsamkeitsübungen psychischen Krankheiten, Stress und Angst (-störungen) lindern können. Zu den bekanntesten Konzepten gehören die „achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (MBSR)“ und die „7 Säulen der Achtsamkeit“, deren Lehre in Online-Kursen vermarktet wird. (7)

Wie in einigen Auslegungen des Buddhismus sollen Achtsamkeitsübungen insgesamt nützlich sein, um Stress abzubauen, zur inneren Ruhe zu finden, Dinge und Objekte neu zu erkennen und wahr zu nehmen. (8)

Kritik & Fazit

Laut einer Studie Willoughby Britton und einem Team von WissenschaftlerInnen der Brown University haben Achtsamkeitsübungen nach Jon Kabat-Zinn sowohl Vor-, als auch Nachteile im therapeutischen Kontext. In einer Studie mit 96 Versuchspersonen, Frauen im mittleren Alter, die eine achtwöchige achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie absolvierten. Insgesamt träten laut den Autoren negative Effekte bei der Achtsamkeitsmeditation ähnlich häufig wie bei anderen psychologischen Behandlungsverfahren auf. (9)

Stärkere Kritik sieht die Erwartungshaltung über die gewünschte Linderung von psychische Krankheiten und Stress als (oft) höher als die tatsächlichen (Linderungs-)Effekte. Die Vorteile seien laut Kritikern überbewertet, und mögliche negative Effekte würden ignoriert.

Der Wirtschaftswissenschaftler und praktizierendende Buddhist Ronad Purser kritisiert in seinem Buch „McMindfulness“ „Achtsamkeit“ als gefährlichen Trend, der von Überlastung und schlechten Arbeitsbedingungen ablenken soll. Der Buddhismus und Meditation werden etwa über Apps leicht konsumierbar gemacht und eine schnellen Linderung wird vorgetäuscht. Stress ist ein gesellschaftliches Problem und kann nicht (nur) auf individueller Ebene gelöst werden. Er plädiert für einen offenen kritischen Diskurs über die Vor- und Nachteile von „Achtsamkeits- und Meditationsübungen“. Insbesondere für Menschen mit psychischen Störungen stellen Achtsamkeitsübungen ein Risiko dar. (10)

Laut einer Mehrheit der bislang veröffentlichten Studien überwiegen die Vorteile: Achtsamkeits- und Konzentrationsübungen sollen einen gewissen positiven Effekt auf die Gesundheit von Pflegenden und Pflegenden Angehörigen haben. (11) Achtsamkeit ist aus wissenschaftlicher Sicht ethisch neutral als eine bewusste Steuerung der Aufmerksamkeit zu bezeichnen.

Empfehlungen weiterer Beiträge:

Eine interessante Dokumentation zum Thema „Achtsamkeit und Meditation“, „Sternstunde Philosophie“ vom 22.04.2018 produziert vom Schweizer Fernsehen (SRF) ist unter folgenden Link abrufbar:

Zum allgemeinen Sinn und der Ethik von Fort- und Weiterbildung haben sich Detlef Rüsing und Christian Müller-Hergl ausführliche Gedanken gemacht: https://www.dzla.de/haustheater-1-2019/

Quellen:

(1) https://link.springer.com/article/10.1007/s40664-020-00404-8  (2021, Springer Verlag, Open Access, veröffentlicht erstmals in „Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie“ Ausgabe 71, Seite 38-43)

(2) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=mindfulness (abgerufen am 22.05.2022)

(3) https://time.com/1556/the-mindful-revolution/ (abgerufen am 22.05.2022)

(4) “Trends and Developments in Mindfulness Research over 55 Years: A Bibliometric Analysis of Publications Indexed in Web of Science” Anuradha Baminiwatta & Indrajith Solangaarachchi  Mindfulness 12, 2099–2116 (2021), https://doi.org/10.1007/s12671-021-01681-x

(5) https://www.bkk-dachverband.de/publikationen/bkk-gesundheitsreport/bkk-gesundheitsreport-2019 „BKK GESUNDHEITSREPORT 2019 – Psychische Gesundheit und Arbeit“

(6) https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/gesundheitsreport-2021-2108392?tkcm=ab „TK-Gesundheitsreport 2021“

(7) Siehe hierzu z.B. https://www.masterclass.com/articles/jon-kabat-zinn-book-guide#14-books-on-mindfulness-and-meditation-by-jon-kabatzinn (abgerufen am 22.05.2022)

(8) „Sati in den Pali Lehrreden“ Anālayo Bhikkhu, Buddhistische Gesellschaft München (2011) https://www.dhamma-dana.de/buecher/sati-in-den-pali-lehrreden/79

(9) “Defining and Measuring Meditation-Related Adverse Effects in Mindfulness-Based Programs”, Willoughby B. Britton, Jared R. Lindahl, David J. Cooper, Nicholas K. Canby, Roman Palitsky Journal of Clinical Psychological Science (2021) https://doi.org/10.1177/2167702621996340;  https://www.spektrum.de/news/meditation-die-negativen-seiten-der-achtsamkeit/1875130

(10) “McMindfulness: How Mindfulness Became the New Capitalist Spirituality”, ‎Ronad Purser Repeater; New Edition (9. Juli 2019); https://www.spektrum.de/news/meditation-wie-achtsamkeit-wirkt/1940368

(11) Siehe hierzu z.B. Claudia Lorena Orellana-Rios, Interview zu einer Pilotstudie zum Thema „Achtsamkeit in der Pflege“ https://www.aok.de/pk/magazin/wohlbefinden/achtsamkeit/achtsamkeit-in-der-pflege-die-besten-tipps/ , https://www.researchgate.net/profile/Claudia-Orellana-Rios


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Nils Hensel

Dialogzentrum Leben im Alter (DZLA)


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