Bewegung hilft!

Bewegung hilft!

In der Rubrik „Lichtblicke“ stellen wir von uns gefundene Studien, Konzepte, Best-Practice-Modelle und anderes vor, von dem wir glauben, dass das Wissen darum und dessen Anwendung die gerontopsychiatrische Pflege verbessern kann.

Im aktuellen Lichtblick von Christian Müller-Hergl geht es um den Einfluss von Bewegung auf die Entstehung und den Verlauf von Demenzerkrankungen. Müller-Hergl diskutiert unterschiedliche Studien und zeichnet ein vorsichtiges Bild des Zusammenhanges von Bewegung und Demenzerkrankung.

Christian Müller-Hergl vor dem DZLA

Kurzzusammenfassungen der diskutierten Studien

Wirkt sich körperliche Fitness auf die Wahrscheinlichkeit der Demenz bei Menschen über 79 Jahren aus?

Vorliegende Studie von Sibbett greift auf Daten einer besonderen Gruppe von Personen aus Lothian, Schottland zurück. Diese Personen, alle 1921 geboren, haben sich ab dem 79. Lebensjahr jährlichen Untersuchungen zur Entwicklung einer Demenz unterzogen. Die Studie geht folgender Frage nach: Wirkt sich körperliche Fitness, insbesondere Griffstärke, Lungenfunktion und Schritttempo, auf die Wahrscheinlichkeit aus, nach dem 79. Lebensjahr eine Demenz zu entwickeln? Immerhin gilt Bewegung und Fitness als ein Faktor, der die Wahrscheinlichkeit einer Demenz mit beeinflusst. Einbußen auf diesen Funktionsebenen könnte auch Hirnfunktionen beeinträchtigen. 

Daten von insgesamt 488 Personen konnten in die Studie einfließen. Im Ergebnis zeigt sich, dass die physische Fitness nach dem 79 Lebensjahr keine Auswirkungen auf die Wahrscheinlichkeit einer Demenzentwicklung aufzeigt. Eher zeigt sich: wer älter wird als 79 Jahre hat eine vergleichbar gute körperliche Gesundheit und lebt lang genug, um eine Demenz zu entwickeln. Wer dagegen gesundheitlich schlecht zurecht ist, wird häufiger nicht alt genug, um eine Demenz aufzuweisen. Zwar wirkt sich vergleichbar gute körperliche Fitness aus auf die Wahrscheinlichkeit, mit 79 Jahren eine Demenz zu entwickeln; allerdings hat dieser Umstand nichts mit der Frage zu tun, ob die Person in den nächsten Jahren nach dem 79 Lebensjahr eine Demenz entwickeln wird. 

Zudem ist bekannt, dass sich bestimmte Gruppen gegen spezifische Krankheitseinflüsse resilient erweisen: nicht alle Raucher entwickeln Lungenkrebs. In ähnlicher Weise mag es Personen geben, die trotz geringer körperlicher Fitness keine Demenz entwickeln, wie alt auch immer sie werden. 

Zusammenfassend sind die Risikoprofile für Demenz altersabhängig anzusetzen: Während geringe körperliche Fitness in den frühen Altersjahren eine Demenzaffinität aufweisen mag, ist dies für die späteren Altersjahre nicht mehr der Fall.

Ähnliches weiß die Studie von Deckers zu berichten: Diabetes, Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Depressivität, Rauchen, Alkoholkonsum, aber auch ein hohes Maß an körperlicher und geistiger Aktivität mögen wichtige Faktoren sein in den mittleren Lebensjahren bilden, um den Boden für eine später einsetzende Demenz zu bereiten bzw. zu verhindern. Im hohen Alter weisen sie weder eine begünstigende noch verhindernde Qualität auf. Auch die Studie vom Lamb weist nach: Intensives physisches Training (hier Aerobics) wirkt sich im hohen Alter auf die Demenzentwicklung nicht mehr aus. Zwar können alte Menschen mit Demenz an diesen Trainingseinheiten teilnehmen, aber Effekte in Bezug auf Aktivitäten des täglichen Lebens, Verhalten, Kognition, Gesundheit oder Lebensqualität können nicht festgestellt werden. In der Studie von Lamb wurde in der Interventionsgruppe sogar ein schnelleres Fortschreiten der Demenz in der Interventionsgruppe festgestellt. 

Sibbett, R., Russ, T., Allerhand, M., Deary, I., Starr, J. (2018). Physical fitness and dementia risk in the very old: a study of the Lothian Birth Cohort 1921. BMC Psychiatry, https://doi.org/10.1186/s12888-018-1851-3

Deckers, K., Köhler, S. et al (2018). Lack of associations between modifiable risk factors and dementia in the very old: findings from the Cambridge City over-75s cohort study. Aging and Mental Health, 22(10), 1272-1278

Lamb, S., Sheehan, B. et al (2018). Dementia and Physical Activity (DAPA) trial of moderate to high intensity exercise training for people with dementia: randomized controlled trial. BMJ 2018;361:k1675 

Mehr Bewegung im Demenzverlauf verlangsamt den Krankheitsgang

In mehreren Studien wurde bereits nachgewiesen, dass Bewegung nicht nur das Demenzrisiko selbst verringert, sondern auch während des Demenzverlaufes eine verzögernde Wirkung aufweist. Vorliegende Studie aus England nutzt Daten einer groß angelegten Langzeitstudie, bei der Personen all 2 Jahre zu ihrer gesundheitlichen Entwicklung befragt wurden. Zu Beginn der Studie wiesen alle Teilnehmenden (n= 11.391, alle über 50 Jahre alt) keine Demenz und auch keine andere psychiatrische Erkrankung auf. Innerhalb der nächsten 10 Jahre entwickelten 3,5% der Teilnehmenden eine Demenz. Es konnte gezeigt werden, dass der Grad physischer Aktivität ‚dosisabhängig‘ mit der Demenzentwicklung korrelierte, also: je intensiver und häufiger die Aktivität, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken. Dies gilt auch innerhalb der Gruppe der Demenzkranken selbst: wer vor der Demenzdiagnose körperlich aktiv war und dies nach der Diagnose vernachlässigte, der wies eine schnellere Demenzentwicklung auf als diejenigen, die das Format ihrer körperlichen Aktivität aufrechterhielten. 

Vermutete Wirkzusammenhänge betreffen die bei körperlicher Aktivität bessere Durchblutung des Gehirns, eine bessere Integrität der ‚weißen Materie‘ (Myelinscheiden bleiben besser erhalten), besser erhaltener Netzwerkfunktionen des Gehirns sowie besser erhaltener neurotrophischer Faktoren.  

Soni, M., Orrell, M. et al, (2019). Physical activity pre- and post-dementia: English Longitudinal Study of Ageing. Aging & Mental Health, 23(1), 15-21

Ein gesunder Lebensstil reduziert unabhängig vom genetischen Risiko die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken

Es ist bekannt, dass genetische Faktoren das Risiko einer Demenzerkrankung erhöhen. Inwieweit dies auch auf Faktoren des Lebensstils zutrifft, ist umstritten. Unter einem gesunden Lebensstil wird verstanden: Nicht rauchen, körperlich aktiv sein, wenig Alkohol. Die englische Studie untersucht rückblickend, ob ein gesunder Lebensstil das Demenzrisiko verringert. Es handelt sich um Daten von fast 200.000 Personen, die sich von 2006 bis 2010 an einer englischen Biobank registrierten und deren Entwicklung bis 2017 verfolgt wurde. 

Insgesamt zeigten 68% einen gesunden, 23,6% einen mittleren und 8,2% einen für die Gesundheit schlechten Lebensstil. Wer ein hohes genetisches Risiko trägt, kann durch Anpassung des Lebensstils das Demenzrisiko nicht verringern. Gleichfalls: Je schlechter der gesundheitliche Lebensstil, desto höher das Demenzrisiko. Beide Faktoren, genetisches Risiko und Lebensstil konnten als unterschiedliche, unabhängig voneinander wirksame Faktoren erwiesen werden. Treten beide Risiken zusammen auf, wirken sie additiv, d.h. das Risko ist höher, als wenn nur eine der beiden Risiken vorhanden ist. Allerdings konnte keine relevante Interaktion zwischen beiden Faktoren festgestellt werden, d.h. ein ungesunder Lebensstil trägt nicht zu einem höheren genetischen Risiko bei.

Für die Gesamtgruppe gilt: Ein gesunder Lebensstil reduziert insgesamt, ganz unabhängig von der genetischen Disposition, das Demenzrisiko. Die Daten in Bezug auf Lebensstil für das Demenzrisiko gleichen in etwa den Daten für den Zusammenhang von Apoplex und Lebensstil. Daher vermuten die Autoren, dass es cardiovaskuläre und cerebrovaskuläre Mechanismen sind, die durch den Lebensstil wesentlich beeinträchtigt werden und entsprechend das Risiko für Schlaganfall oder/und Demenz erhöhen bzw. reduzieren. 

Lourida, I., Hannon, E., Llewellyn, D. et al (2019). Association of Lifestyle and Genetic Risk With Incidence of Dementia. Jama.doi:10.1001/jama.2019.9879

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