Chancen, Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung für die Qualitätsarbeit in der Pflege

DNQP Digitalisierung

– POST AUS DEM DNQP –

Schon seit vielen Jahren ist es für uns normal geworden, einen sehr großen Teil der Netzwerkarbeit im DNQP auf digitalem Weg zu leisten. Wir rufen per Newsletter und unsere Website zur Mitarbeit an Expert*innenarbeitsgruppen oder Praxisprojekten auf, stehen für E-Mailanfragen zur Verfügung, stellen Auszüge aus den Expertenstandardveröffentlichungen und die Auditinstrumente digital zur Verfügung oder kommunizieren mit Projektpartner*innen per Mail über Projektfortschritte und -ergebnisse. Dabei sind wir sehr froh darüber, solche Möglichkeiten zu haben und nicht mehr größere Datenmengen wie zu Beginn unserer Netzwerkarbeit per Diskette mit der Post verschicken zu müssen.

Foto von im DNQP genutzten Disketten

Durch die Corona-Pandemie hat sich die Palette der digitalen Möglichkeiten nun um Videokonferenzen erweitert. Wir stellen fest, dass auch dies eine echte Erleichterung sein kann, denn sie sparen Zeit, Ressourcen und schaffen eine neue Form der Spontanität. Es müssen nun eben nicht mehr mehrere Personen erst nach mühsamer Terminabsprache für eine anderthalbstündige Sitzung quer durch die Republik reisen, sondern auch kurzfristiger anberaumte Sitzungen sind per Video möglich. Sicherlich hätte es diese Möglichkeit auch schon vor 2020 gegeben, nur genutzt wurde sie zumindest von uns für die Netzwerkarbeit eher selten bis gar nicht.

Qualitätsarbeit ist durch dialogische Prozesse gekennzeichnet. Die Entwicklung von Expertenstandards beispielsweise setzt von Anfang an eine Auseinandersetzung mit Inhalten, also wissenschaftlicher Evidenz und Erfahrungswissen, voraus. Diese Auseinandersetzung geschieht zunächst im Diskurs der Mitglieder von Expert*innenarbeitsgruppen und setzt sich fort in der Diskussion von Konsensuskonferenzteilnehmer*innen über einen neuen Expertenstandard. Nach seiner Konsentierung beginnt ein Projekt zu seiner modellhaften Implementierung und in dessen Rahmen wird über Möglichkeiten zur Umsetzung seiner Inhalte beraten. Dies geschieht nicht nur in den Projektsitzungen bei uns in Osnabrück, sondern ebenso in Arbeitsgruppen der teilnehmenden Einrichtungen. Jeder dieser Prozessschritte formt einen Expertenstandard, zunächst seinen Inhalt und dann seine Umsetzung und damit vollzieht er seine Entwicklung von einem theoretischen Werk zu einer praxistauglichen Hilfestellung für die Herausforderungen der täglichen Pflegearbeit. Wir sind es gewohnt, diese Diskussionen persönlich zu führen, sei es in Projektsitzungen oder im Rahmen von Konferenzen, Workshops oder Fortbildungen. Die synchrone Form des Austausches, der Aufbau persönlicher Beziehungen zu und unter den Beteiligten oder die direkte Möglichkeit, Missverständnisse zu vermeiden oder zu klären, sind uns auf diesem Weg vertraut. Außerdem dienen die DNQP-Konsensuskonferenzen, Workshops und Fortbildungen seit es sie gibt nicht alleine der Konsensfindung oder der Wissensvermittlung zu Expertenstandards. Sie dienen ebenso dem „Netzwerken“ durch Alltagsgespräche in den Pausen, durch den Austausch über verbindende, gemeinsame Erfahrungen oder durch den Blick über den persönlichen Tellerrand hinweg in unbekannte Pflegebereiche mit neuen Herausforderungen für die Qualitätsarbeit. All das kann ermutigende Effekte haben und Kreativität wecken und gelingt im direkten persönlichen Kontakt wahrscheinlich besser als durch den Umweg über ein getipptes Gespräch in einem Onlineforum und dem Ausdruck von Gefühlslagen durch Emoticons und Emojis.

Denkt man aber offen darüber nach, könnte es auch möglich sein, die Entwicklung eines Expertenstandards oder seine Implementierung in die Praxis bis zu einem gewissen Punkt vollständig digital zu gestalten. Arbeitsgruppen könnten sich in Videokonferenzen treffen, Inhalte per Mail oder in Chatrooms ausgetauscht werden und Konferenzen oder Fortbildungen online stattfinden. Auch das „Netzwerken“ würde durch digitale Kommunikation nicht verhindert, wir müssten es vielleicht nur neu oder anders lernen. Als Teil der Implementierung eines Expertenstandards könnte eine neue Verfahrensregel im Intranet einer Einrichtung veröffentlicht und ihre Anwendung verpflichtend gemacht werden. Auch Qualitätsmessungen könnten digital erfolgen, sogar so weitgehend, dass entsprechende Computerprogramme auf Basis von Algorithmen die digitale Patientenakte nach Einträgen scannen und damit die Korrektheit der Dokumentation von Pflegehandlungen prüfen würden. Spätestens bei der Umsetzung von Standardinhalten aber werden wir an Grenzen stoßen. Pflege hat in ihrem Kern etwas mit Begegnungen und zwischenmenschlichen Kontakten zu tun, ohne die es keine Pflege gäbe. Das gilt nicht alleine für den Kontakt zwischen Pflegenden und Pflegeempfängern, sondern auch unter Pflegenden, wenn es um gemeinsames Arbeiten, voneinander Lernen und gegenseitiges Entlasten geht. Nach unserem Verständnis entwickelt sich auf diese Weise Pflegequalität. Auf persönlichem Kontakt, Gemeinsamkeit und Gegenseitigkeit beruhende Verständigungs- und Einigungsprozesse sind möglicherweise entscheidender für das Ergebnis einer Expertenstandardeinführung, als die formale Darstellung einer Verfahrensregel, die eine einzelkämpfende Qualitätsbeauftragte mit dem Segen der Pflegedirektion im Intranet oder dem Qualitätshandbuch einer Einrichtung hinterlegt.

Im Frühjahr 2020 konnten wir den DNQP-Workshop zum Expertenstandard „Entlassungsmanagement“[1] noch in gewohnter Art und Weise durchführen, danach begann auch für uns notwendigerweise die Reise in eine vollständig digitale Welt. Projektsitzungen wurden, wenn möglich, digital durchgeführt oder die gesamte Projektkommunikation wurde per E-Mail gestaltet. Geplante Termine wurden verschoben und Projektlaufzeiten verlängert, um den Belastungen der Pflegepraxis während der Pandemie Rechnung zu tragen. Sehr bald wurde auch klar, dass eine Konsensuskonferenz in gewohnter Weise in 2020 nicht möglich sein wird und wir uns um Alternativen Gedanken machen mussten. Sollen wir eine reine Online-Konferenz durchführen? Eine hybride Veranstaltung planen für den Fall, dass wenigstens eine kleinere Teilnehmer*innenzahl möglich sein sollte? Positive Beispiele für solche Formate entstanden in diesem Jahr, aber es entwickelte sich auch die Frage, welche Grenzen eine solche Neuorientierung haben kann.

Unsere ersten Erfahrungen mit der teildigitalen Projektarbeit sind verhalten positiv. Allen zunächst prognostizierten Widerständen zum Trotz ist es gelungen, die Aktualisierung der Expertenstandards zum Schmerzmanagement und die Entwicklung des Expertenstandards zur Mundgesundheit abzuschließen sowie Praxisprojekte zum Schmerzmanagement und zum Entlassungsmanagement zu beginnen bzw. durchzuführen. Manches hat sich dabei verzögert, manche Diskussionen waren anders als gewohnt, die bislang vorliegenden Ergebnisse hingegen stellen uns sehr zufrieden. Dennoch hatte aber der persönliche Kontakt zu Expert*innenarbeitsgruppen oder Projektpartner*innen zum Teil eine andere Qualität, als wir es gewohnt sind und asynchrone Kommunikationsformen erfordern Geduld. Auch damit zeigt sich in Ansätzen, dass kein digitales Format jemals eine persönliche Anwesenheit, einen direkten persönlichen Austausch und die Interaktion zwischen physisch anwesenden Personen vollumfänglich ersetzen kann.

Erfahrungen mit einer vollständig digitalen oder hybriden Veranstaltung werden wir bei der kommenden Konsensuskonferenz zum neuen Expertenstandard „Förderung der Mundgesundheit in der Pflege“[2] machen können. Wir hoffen, mit dem derzeit favorisierten Hybridformat ein wenig das übliche Konsensuskonferenzflair zu erzeugen und gleichzeitig durch die digitalen Elemente einer größeren Zahl von Personen die Gelegenheit zur Teilnahme zu geben. Natürlich sind wir auch gespannt, welche Hinweise wir damit für die Zukunft sammeln können, die uns helfen, unser gewohntes Angebot zu erweitern.

Wir sind davon überzeugt, dass die Nutzung digitaler Formate eine Ergänzung etablierter Verfahren der Qualitätsentwicklung in der Pflege darstellen und ein möglicher Gewinn für die Zukunft sein kann. Drücken Sie uns allen die Daumen, dass das auch so gelingt.


Wenn sie eine Frage an uns haben: Dann senden Sie uns entweder eine Mail oder nutzen Sie die Kommentarfunktionen unter den einzelnen Posts. Wir werden Ihre Frage aufgreifen, versprochen.

Kontakt:

Heiko Stehling, MScN

h.stehling(at)hs-osnabrueck.de

www.dnqp.de


Quellen

[1] https://www.dzla.de/dnqp-netzwerkworkshop/

[2] https://www.dnqp.de/10-konsensus-konferenz/


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