Depression im Alter

Dialogzentrum Leben im Alter Lichtblicke

– Therapie ohne Psychopharmaka möglich? –

Depressionen alter Menschen werden, wenn überhaupt, zumeist vom Hausarzt behandelt. In den Niederlanden wird dies oft durch psychiatrisch ausgebildete Psychiatriepflegefachkräfte wahrgenommen. Allerdings mangelt es in der Praxis an evidenzbasierten nicht-pharmakologischen Interventionen, die hier zum Tragen kommen könnten. Eine Möglichkeit stellt die Lebensrückblick-Therapie dar, die in der Regel von Psychotherapeuten durchgeführt wird. Hierbei wird versucht, eine negative Sichtweise des eigenen Lebens zu verändern, die Erfolge in den Mittelpunkt zu stellen und sich mit dem eigenen Leben zu versöhnen.

Informationen zur Studie

Eine in den Niederlanden entwickelte Variante wird in einem Gruppenformat durchgeführt, nutzt neben der Erzählung und Austausch auch kreative Zugangsweisen. (‚Looking for the Meaning‘) Themen werden angesprochen wie z.B. Gerüche und Düfte der Vergangenheit, Wohnungen und Häuser, in denen man gelebt hat, die eigenen Ressourcen, Hände, Fotos, Freundschaften, Wendepunkte im Leben, Sehnsüchte und Begehren, die Zukunft in mir, Identität. Verbale und diskursive Elemente werden durch sensorische, metaphorische, analoge (z.B. Mitbringen von wichtigen Objekten, selbstgemalte Bilder, Gedichte) ergänzt.  Die vorgegebenen Themen und Bearbeitungsschritte erleichtern den Teilnehmenden den Lebensrückblick. Bisherige Anwendungen durch Therapeuten zeigen gute Ergebnisse.

Vorliegende Untersuchung beschreibt Effekte eines ähnlichen, aber vereinfachten Formates, durchgeführt von Pflegekräften in der Allgemeinarztpraxis. Untersucht wird die Durchführbarkeit, die Akzeptanz und die Wirkung dieser Intervention.

Welche Methoden wurden genutzt?

Die Studie vergleicht Ausgangs- mit Enddaten einer Teilnehmergruppe. Anhand eines Fragebogens werden Informationen zu depressiven ängstlichen Symptomen, Wohlbefinden und Lebensbewältigung erhoben. Das Pilotprojekt wurden an 6 verschiedenen Standorten in den Niederlanden durchgeführt. Der Umfang betrug 8 wöchentliche Sitzungen von 1,5 Stunden, geleitet von deiner für diese Intervention besonders geschulten Pflegekraft. Beschrieben werden Assessments zur Bewertung der Durchführbarkeit, Akzeptanz und Depressivität.

Resultate der Studie

37 Personen nahmen an der Intervention teil. Die Gruppengröße schwankte zwischen 5 und 7 Teilnehmenden. Bei den Teilnehmenden handelte es sich mehrheitlich um Frauen (72%), die allein lebten (79%), Kinder hatten (90%) und nur über eine geringe Bildung verfügten. Umfang und Dauer wurden mit 72% positiv beschieden, der Einsatz der Pflegekräfte mit 90% positiv bewertet. 72% würde diese Intervention weiterempfehlen. 14% erlebten das Eröffnen schwieriger Lebensthemen als zu schmerzhaft und beklagten, es sei nicht ausreichend gelungen, das Positive in den Mittelpunkt zu stellen.  Mehrheitlich wurde bekundet, man habe von den Lebensgeschichten anderer gelernt, habe es als tröstlich empfunden, Schwieriges zu teilen und hätte einen positiveren Blick auf das eigene Leben entwickeln können. Bezüglich der Ergebnisse fanden sich am Ende der Maßnahme weniger depressive Symptome als zu Beginn. (Effektstärke d= -0,66, dies entspricht einem großen Effekt) Bezüglich der anderen Faktoren (Ängste, psychisches Wohlbefinden, Lebensbewältigung) gab es keine Veränderung.

Die Studie untersucht den Effekt von Reminiszenz-Therapie auf Menschen mit Demenz. Es handelt sich um eine systematische Literaturanalyse, die 24 Studien heranziehen konnte. Effekte auf Depressivität, Lebensqualität, herausforderndes Verhalten und neuropsychiatrische Symptome wurden untersucht. Geringe bis mittelstarke Effekte in Bezug auf Depressivität, Lebensqualität und herausforderndes Verhalten konnten – im Vergleich zu Kontrollgruppen – bestätigt werden. Individuelle, besonders auf die konkrete Person hin entwickelte Anwendungen haben einen größeren Effekt als Anwendungen in der Gruppe. Insgesamt sollte die Intervention mit mehr als 8 Sitzungen anberaumt werden. Nicht ganz geklärt bleibt die Frage, ob die Effekte dem Rückblick per se oder dem intensiveren Kontakt und Kommunikation geschuldet sind.

Diskussion

Es handelt sich um eine erste pragmatische Pilotstudie, die ohne Kontrollgruppe erfolgte und in der die Qualität der Intervention nicht kontrolliert werden konnte. Weiterhin bleibt offen, wie lange die Effekte der Intervention angehalten haben. Immerhin: die Intervention scheint akzeptabel und durchführbar zu sein.

Durch die Anbindung an die Hausarztpraxis besteht die Möglichkeit, dass sie – im Unterschied zum psychotherapeutischen Setting – mehr Personen zugutekommen kann. Zudem zeigt sie, dass zusätzlich ausgebildete Pflegekräfte – ähnlich wie in Großbritannien (‚mental health nurses in the practice of psychotherapy‘, ‚improving access to psychological therapies‘(IAPT))  – psychotherapeutische Aufgaben wahrnehmen können.

Quellen

Hendriks, L., Veerbeek, M., Volker, D., Veenendaal, L., Willemse, B. (2019). Life review therapy for older adults with depressive symptoms in general practice: results of a pilot evaluation. International Psychogeriatrics, 31(12), 1801-1808

Vgl.: Park, K., Lee, S. et al. (2019). A systematic review and meta-analysis on the effect of reminiscence therapy for people with dementia. International Psychogeriatrics, 31(11), 1581-1597


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