Digitalisierung in der Pflege

Digitale Transformation in der Pflege – zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Nach Forderungen von unterschiedlichen Seiten, etwa des „Deutschen Pflegerates“ und des Verbändebündnis „Digitalisierung in der Pflege“ (1) hat der Bundestag Anfang Mai 2021 das „Gesetzes zur digitalen Modernisierung von Versorgung und Pflege (DVPMG)“ beschlossen. (2)

Das Gesetz will die Voraussetzung für die digitale Transformation verbessern. Ein neues Verfahren soll die Entwicklung „Digitaler Pflegeanwendungen (DiPAs)“, etwa zur Sturzprophylaxe fördern. Die Telematikinfrastruktur, also die digitale Vernetzung von Gesundheitsanwendungen aller Akteure im Gesundheitswesen soll ebenfalls durch öffentliche Förderung ausgebaut werden. (3)

Wo steht die Pflege und welche Entwicklungen sind zu erwarten?

Laut Helmut Kreidenweis, Professor an der Universität Eichstätt-Ingolstadt und Experte für Digitalisierung sozialer Dienstleistungen ist die Digitalisierung in den meisten Pflege-Einrichtungen, etwa in Bezug auf Pflege-Dokumentationen wenig entwickelt.

Digitale Investitionen wurden in den letzten Jahren öffentlich, sowie auch von den Trägern wenig gefördert. Es fehlt in vielen Einrichtungen etwa ein durchgängiges W-Lan, ein Hardware IT-Management und Möglichkeiten zur (digitalen) Weiterbildung der Pflegenden. (4)

Auch der Paritätische Gesamtverband sieht Verbesserungsbedarf. Der Verband begrüßt das nun beschlossene Gesetz, fordert aber zusätzlich „Anschubfinanzierungen damit Einrichtungen, Pflegende und pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen in bestmöglichem Umfang von Digitalisierung profitieren.“ (5)

Einige Pflegende beklagen einen sich zusätzlich durch die Covid-19-Pandemie verstärkenden Personalmangel, zunehmende Bürokratie, wenig Zeit für die Arbeit mit den Pflegebedürftigen und eine allgemeine Überforderung. (6)  

Eine aktuelle Umfrage des „International Council of Nurses (ICN)“ und Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen, dass sich die Personalsituation der beruflich Pflegenden und die Personalsituation in den Pflegeberufen auch global verschärft haben. (7)

Ein weiterer Personalbedarf ergibt sich aus dem globalen demografischen Wandel: In den nächsten Jahrzehnten wird die Bevölkerung in den meisten westlichen Länder, aber auch Staaten wie China, Japan und Korea im Durchschnitt wesentlich älter. Allein in Deutschland gibt es laut aktuellen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes aktuell rund 4,1 Millionen pflegebedürftige Menschen (Stand 2019). Das Durchschnittsalter der Bevölkerung und damit die Pflegebedürftigkeit wird in den nächsten Jahren besonders stark in den ostdeutschen Bundesländern steigen. (8)

Modellprojekte zeigen die Vorteile der digitalen Transformationen (9):

  • Bürokratieabbau, etwa durch vereinfachte elektronische Pflege-Dokumentation
  • Das Wissens- und Zeitmanagement kann durch technische Assistenzsysteme verbessert werden. Informationen können unterhalb der Pflegenden jederzeit barrierefrei ausgetauscht und abgerufen werden und somit können Übergaben verkürzt werden. Eine weitere Unterstützung können automatische elektronische Erinnerung an Termine und Medikation sein. (10)
  • Der Informationsaustausch kann im Rahmen von Telecare /Telemedizin zwischen verschiedenen Akteuren, wie Patienten, Ärzten, Psychologen und andere Pflegeeinrichtungen zeitnaher und einfacher erfolgen (11)
  • Die Robotik kann Unterstützung in der alltäglichen Pflege bieten (12)

Nachteile und Gefahren der digitalen Transformation

Durch die Einführung digitaler Anwendungen ergeben sich aber auch Nachteile:

  • Erhebliche Kosten durch Einführung und Wartung entsprechende IT-Hardware und Software
  • Schulung und Ausbildung von Fachpersonal oder Pflegepersonal mit Zusatzausbildung
  • Eine Abhängigkeit von IT-Hardware- und Softwareherstellern
  • Sensibilität beim Thema Datenschutz und der hiermit verbundene Weiterbildungsbedarf
  • Technische Unterstützung kann Arbeitgeber (Kostenträgern) zum Abbau von Personal veranlassen u. zu weiterer Arbeitsverdichtung führen

Problematisch ist die Datensicherheit: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) listet in seinem jährlichen Bericht zur Lage der IT-Sicherheit insgesamt 419 Meldungen im Berichtszeitraum (1. Juni 2019 bis 31. Mai 2020) im Bereich der sogenannten „kritischen Infrastruktur“ auf. 134 Meldungen kamen allein aus dem Bereich Gesundheit. (13)

Das BSI registriert insgesamt eine Zunahme von „Ransomware-Attacken“, also Angriffen durch Verschlüsselung von Daten. Hierdurch wird die Nutzung meist gesamten IT-Systeme innerhalb kurzer Zeit unmöglich gemacht. Die Verschlüsselung kann nur durch Zahlung eines Lösegelds an die Hacker aufgehoben werden.

Hiervon betroffen waren auch zentrale Systeme der DRK-Trägergesellschaft Süd-West angeschlossene Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Sie wurden durch Attacken “erheblich in ihrer Versorgungsleistung beeinträchtigt”. Im September 2020 mussten durch einen Hacker-Angriff Teile der Düsseldorfer Uni-Klinik geschlossen und lebenswichtige Operationen verschoben werden.

Das BSI fasst die Meldungen folgendermaßen zusammen:

„Bei Cyber-Angriffen, technischem Versagen oder anderen Vorfällen können IT-Systeme nicht nur ausfallen oder zerstört werden, es bestehen auch weitere Gefahren, zum Beispiel, dass Daten in die falschen Hände geraten oder manipuliert werden.“ (Zitat S. 52, Lagebericht BSI )

Wie viele Innovation braucht die Pflege?

Umstritten ist in welchem Umfang das deutsche Gesundheitswesen beim Thema Digitalisierung „im internationalen Vergleich“ abgeschlagen ist. Zu dieser Einschätzung kommt etwa die einflussreiche Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC (Abkürzung für PricewaterhouseCoopers GmbH), die auch für die Bundesregierung und das Gesundheitsministerium tätig ist. (14)

Der von der Bill und Melinda Gates Stiftung finanzierte „Global digital health index“ und die Studie der Bertelsmann Stiftung: „#SmartHealthSystems“, veröffentlicht 2018, sieht Deutschland im Vergleich von 17 EU- und OECD-Ländern beim Stand der Digitalisierung auf dem vorletzten Platz. (15)

Weitere Studien der Bertelsmann-Stiftungen sehen in Deutschland „zukunftsweisende Projekte – vor allem bei den sozialen Innovationen.“  Aber man hinke, so die Autoren, bei der längerfristigen Finanzierung erfolgreicher Projekte hinterher. (16)

In einer gemeinsamen Erklärung fordert die „Stiftungsallianz“, ein Zusammenschluss der Stiftung Münch, sowie der Bertelsmann Stiftung und der Robert Bosch Stiftung: „kurz- und mittelfristige Strategien, um dem Fachkräftemangel (in der Pflege) zu begegnen“, sowie die Förderung der Akademisierung und der Pflegeforschungsfelder der Versorgung, Qualität, Prävention, Bildung, Innovation und Technologien.“ (17)

Aus der Perspektive der Pflegenden ist das Thema „Digitalisierung“ laut einem Forschungsbericht der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) von 2017 längst im Pflegealltag angekommen:

Elektronische Dokumentationen werden bereits von der Mehrheit genutzt. Ein Smartphone als digitales Endgerät setzten rund drei Viertel der Befragten ein – und ein Tablet 60 Prozent. (18)

Es ist allerdings fraglich wie repräsentativ die Umfrage in Bezug auf die Arbeit aller Pflegenden und deren Nutzungsverhalten ist.

Der Pflegewissenschaftler Holger Dudel meint hierzu: (19)

Dort wo Technologie angeboten und gegenfinanziert wird, können Pflegekräfte damit auch wunderbar umgehen. Aber am Angebot und vor allem an der Gegenfinanzierung hapert es. Wenn wir über Technik in der Pflege reden, dann geht es bisher hauptsächlich um Software und Dokumentation. Das hat mit der Orientierung an Patienten oder pflegebedürftigen Menschen nichts zu tun. Pflege ist im Kern eine Beziehungstätigkeit. Und genau dabei könnte Technologie enorm helfen, wie die Corona-Krise ja plastisch illustriert. Das passiert in Deutschland aber nicht. Weder stehen geeignete Module flächendeckend zur Verfügung noch spielen kundenbezogene IT-Bausteine in der Ausbildung der Pflegekräfte eine Rolle. Bei der Nutzung von Technik in der Sozialwirtschaft liegt Deutschland meilenweit hinter anderen Ländern zurück.“

Holger Dudel im Interview (02 09 2020)
https://e-health-com.de/thema-der-woche/digitale-pflege-der-pflegerische-nutzen-spielt-kaum-eine-rolle/

Fest steht, dass der Gesundheitssektor insgesamt ein enormer Wirtschaftsmarkt ist. Nach Schätzungen des Berater Unternehmens Roland Berger ergibt sich allein in Deutschland im Gesundheitswesen ein Potenzial von rund 57 Mrd. Euro, global von 979 Mrd. Euro Umsatz. (20) Entsprechend groß ist der Markt etwa für IT-Software und -Hardware und das Interesse von potenziellen Investoren. Laut der Wirtschaftsberatungsagentur McKinsey ergeben sich andererseits für die Kostenträger Einsparpotenziale durch den Einsatz digitaler Technologien von mindestens 12%, umgerechnet 34 Milliarden jährlich. Etwa durch die Nutzung der elektronischen Patientenakte und die Online-Beratung. (21)

Fehlende digitale Ausbildung der Pflegekräfte

In den Curricula der Pflege-Ausbildung kommen digitale Themen nicht vor. (22) Auch in der Reform der Ausbildungsgänge zu einer gemeinsam Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege kommen digitale Inhalte in der Ausbildung nicht vor.

Digitale Technologien haben das Potenzial, Pflegende zu entlasten. Vor allem körperlich, etwa als Unterstützung beim Heben und Tragen von Patienten, mit Hilfe von Transportrobotern. Voraussetzung hierfür ist unter anderem, dass die Technologien von den Nutzerinnen und Nutzern akzeptiert werden und im Pflegealltag hilfreich sind. Dies erfordert zum Teil jahrelanges Training und Zeit für Fortbildungen der Pflegekräfte.

Seit 2019 fordert der “Deutsche Pflegerat”, dass sowohl Ausbildung, die Fort- und Weiterbildung und auch die Studienangebote überprüfen werden müssen, denn „Digitale Kompetenzentwicklung ist eine Querschnittsanforderung für alle Berufsbilder und alle Qualifikationsebenen. Neue Funktionen und Qualifikationen, z. B. IT-Trainer für die Begleitung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der analogen in die digitale Welt, gehören in den strukturellen Kontext der Bildung.“

Eine Übersicht der Kernforderungen des “Deutschen Pflegerates” finden Sie hier: https://deutscher-pflegerat.de/2019/11/08/digitalisierung-in-der-pflege/

Insgesamt bleibt fraglich, ob sich der durch Covid-19 Pandemie verschärfende Fachkräftemangel positiv auf die Ausbildung und das Nutzen des Potenzials der Digitalisierung auswirken können. Unstrittig bleibt, dass der Bedarf an kompetenten Pflegekräften in den nächsten Jahren steigen wird. (24)


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Nils Hensel

n.hensel@hs-osnabrueck.de

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Quellen:

  1. https://deutscher-pflegerat.de/2019/11/08/digitalisierung-in-der-pflege/ https://www.bvitg.de/themen/digitalisierung-pflege/buendnis-digitalisierung-pflege/
  2. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/digitalisierung-pflege-1841204
  3. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/guv-19-lp/dvpmg.html
  4. https://patientdeutschland.podigee.io/3-helmut-kreidenweis (Podcast „Patient Deutschland“ Folge #3, vom 03. Juni 2020)
  5. http://infothek.paritaet.org/pid/fachinfos.nsf/0/a66b0b0bd74d292dc12586d20041d9b8/$FILE/BAGFW%20Stellungnahme%20RefE%20DVPMG%202020-12-04.pdf
  6. https://www.wiwo.de/politik/deutschland/pfleger-auf-der-intensivstation-es-reicht-nicht-nur-die-gehaelter-anzuheben/26300668.html
  7. https://www.who.int/publications/i/item/9789240003279 (State of the World’s Nursing Report – 2020); https://www.icn.ch/news/covid-effect-renewed-interest-nursing-careers-undermined-discontent-and-disputes-over-pay
  8. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/Publikationen/Downloads-Pflege/pflege-deutschlandergebnisse-5224001199004.pdf;jsessionid=0035E09C35FF2CBE175B274C0AD93357.live741?__blob=publicationFile (Pflegestatistik 2019)
  9. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-61372-6_3 ; „Digitalisierung in der Pflege: Überblick über aktuelle Ansätze“ Dr. Vanessa Kubek (2020 Springer Verlag);
  10. Modellprojekte zum Bürokratieabbau: https://www.gkv-spitzenverband.de/pflegeversicherung/qualitaet_in_der_pflege/buerokratieabbau/buerokratieabbau.jsp
  11. Vrgl. Hierzu Studie von 2018 „Digitalisierung in der Pflege – Wie intelligente Technologien die Arbeit professionell Pflegender verändern“ https://inqa.de/SharedDocs/downloads/webshop/pflege-4.0?__blob=publicationFile
  12. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/123879/Roboter-nur-als-Hilfsmittel-in-der-Pflege-geeignet
  13. https://www.bsi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/BSI/Publikationen/Lageberichte/Lagebericht2020.html (BSI Lagebericht 2020)
  14. https://www.pwc.de/de/branchen-und-markte/oeffentlicher-sektor/informationstechnologie-im-oeffentlichen-sektor-sicher-modern-effizient.html ; https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wo-pwc-kpmg-deloitte-und-ey-die-bundesregierung-beraten-a-1272538.html
  15. https://www.digitalhealthindex.org ; Studie “#SmartHealthSystems” (2018) https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/VV_SG_SHS_dt.pdf
  16. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/demografieresilienz-und-teilhabe/projektnachrichten/eine-zukunftsfaehige-pflege-braucht-mehr-innovationen ; https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/Impuls_zum_demografischen_Wandel__8.2.pdf
  17. https://www.bosch-stiftung.de/sites/default/files/publications/pdf/2020-02/Pflege%20kann%20mehr_Positionspapier%20Stiftungsallianz.pdf
  18. https://www.bgw-online.de/SharedDocs/Downloads/DE/Medientypen/BGW%20Broschueren/BGW09-14-002-Pflege-4-0-Einsatz-moderner-Technologien_Download.pdf?__blob=publicationFile
  19. https://e-health-com.de/thema-der-woche/digitale-pflege-der-pflegerische-nutzen-spielt-kaum-eine-rolle/
  20. https://www.rolandberger.com/de/Insights/Publications/Future-of-Health-Der-Aufstieg-der-Gesundheitsplattformen.html (FUTURE OF HEALTH – DER AUFSTIEG DER GESUNDHEITSPLATTFORMEN 2020)
  21. https://www.mckinsey.de/news/presse/2018-09-27-digitalisierung-im-gesundheitswesen
  22. z.B. https://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/projekte/Curriculum_paderborn.pdf
  23. https://deutscher-pflegerat.de/2019/11/08/digitalisierung-in-der-pflege/
  24. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/172651/umfrage/bedarf-an-pflegekraeften-2025/ ; https://www.atlas-digitale-gesundheitswirtschaft.de/pflege-im-wandel/ (Forschungsseite Universität Witten-Herdecke Stand 2019)

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