„Du sollst nicht lügen!“

Pflegen mit Wissen Dialogzentrum Leben im Alter

– Kritisches Glossar – Lügen in der Versorgung Demenzerkrankter

Es gibt nicht wenige Artikel und Bücher zum Thema „Lügen in der Versorgung Demenzerkrankter“, die die Lüge – manche nennen sie sogar „Therapeutische Lüge“ – grundsätzlich ablehnen. In der letzten Zeit allerdings ist es um dieses so praxisrelevante Thema ruhig geworden.

Dem zum Trotz wird im normalen Leben und auch in der Pflege weiterhin jeden Tag in manchen Situationen gelogen. Was haben wir also mit der vergangenen Diskussion erreicht? „Du sollst nicht lügen!“ wird wie eine Monstranz vor der heiligen Kuh „Personzentrierte Pflege“ hergetragen . Ist das richtig? Ist Lügen gleich Lügen und vor allem: Schliessen sich „Personzentrierte Pflege“ und der Gebrauch von Lügen grundsätzlich aus? Ist eine Aufweichung des Dogmas „Du sollst nicht lügen“ gleichzeitig Öffnung und Rechtfertigung für so viele unnötige aber schmerzvollen Lügen durch Pflegende?

Detlef Rüsing über „Lügen“

Detlef Rüsing schaut sich in diesem kritischen Glossar das Konzept der Lüge in der Pflege Demenzerkrankter genauer an und stellt mal wieder fest, dass es so einfach nicht ist …

Quellen und weiterführende Literatur

Benn, P. (2001): Medicine, lies and deceptions. Journal of Medical Ethics, 27, S. 130–134.

Blum, N. S. (1994): Deceptive practices in managing a family member with Alzheimer’s disease. Symbolic Interaction, 17(1), S. 21–36.

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP), Ed. (2018): Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz”. Schriftenreihe des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Osnabrück.

Feil, N. (1999): Validation. Ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen. München: Reinhardt.

Ekman, P. (1985): Telling lies: Clues to deceit in the marketplace, politics and marriage. New York: Norton. 

Elvish, R., James, I., Milne, D. (2010): Lying in dementia care: an example of a culture that deceives in people’s best interests. Aging Ment Health, 14(3), S. 255-262.

James, I. A., Wood-Mitchell, A.J., Waterworth, A. M., Mackenzie, L. E., Cunningham, J. (2006): Lying to people with dementia: Developing ethical guidelines for care settings. International Journal of Geriatric Psychiatry, 21, S, 800–801.

Kitwood, T. (2000): Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Verlag Hans Huber.

Rogers, C. (1983): Entwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. Stuttgart: Klett- Cotta.

Rüsing, D. (2009): Ist alles erlaubt? Zum Umgang mit Wahn und Halluzination bei Personen mit Demenz. pflegen: Demenz (11), S. 4-6

Rüsing, D. (2018): Der Personzentrierte Ansatz im Umgang mit Demenzerkrankten nach Tom Kitwood. Buchbeilage zu „pflegen: Demenz“ 47, Hannover: Friedrich Verlag.

4 Antworten

  1. Norbert Zimmering sagt:

    „Du sollst nicht lügen“ heisst im biblischen Kontext: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten. Im Umgang mit dementiell veränderten Menschen hat diese Ermahnung für mich jüngstens eine aktuelle Bedeutung bekommen. Ein Bewohner aus dem arabischen Kulturkreis mit deutlichen dementiellen Veränderungen liess sich zunehmend nicht pflegen und versorgen und wehrte sich entsprechend. In drr Pflegedokumentation hiess es: Herr M. war heute besonders aggressiv und schlug um sich. Die coronabrdingte Isolation führte nicht nur zur Vereinsamung, sondern auch zur Entfremdung von seiner Tochter, die sich vor Corona liebevoll um ihren Vater gekümmert hat, teilweise hat sie zur Entlastung der Pflegenden auch pflegerische Aufgaben übernommen. Nach Lockerung der Besuchseinschränkungen gelang es ihr, Schritt für Schritt wieder einen emotionalen Zugang zu ihrem Vater zu finden. Gleichwohl war sie immer wieder überrascht, dass regelmäßig seine Aggressivität dokumentiert wurde und ihr nahegelegt wurde, ihre Zustimmung für die Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung zu geben. Inzwischen war ich als Regionalbeauftragter der BiVa um Unterstützung gebeten und auch mir wurde vom Einrichtungsleiter, der bis dato den Bewohner gar nicht kannte (obwohl dieser schon fast zwei Jahre in der Einrichtung schon lebte) verlangt, auf die Tochter einzuwirken, sofort die Einwilligung zu geben, andernfalls müsste er Schritte unter, die zur Zwangseinweisung nach PsychKG führt. Grundlage für dieses Handeln waren allein die Eintragungen in der Pflegedokumentation einer Pflegekraft, die sichtlich überfordert war (kein Vorwurf, weil durchaus bei herausforderndem Bewohnerverhalten nachvollziehbar!), ohne das mit der Tochter darüber das Gespräch geesucht wurde. Der zweiwöchige Aufenthalt in einem Krankenhaus mit gerontopsychiatrischen Schwerpunkt beinhaltete eine Umstellung der Medikation. Im Entlassungsbericht war von aggressivem Verhalten war an keiner Stelle die Rede. Gleichwohl der Hinweis, dass aufgrund der sprachlich bedingten gestörten Kommunikation nach nonverbalen Möglichkeiten gesucht werden muss, um den Bewohner in seiner Persönlichkeit zu erreichen. Um nicht missverstanden zu werden: durch die einseitige Dokumentation ist für Dritte ein Persönlichkeitsbild entstanden, das der Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit nicht gerecht wurde. Herausforderung auf Bewohnerseite steht oftmals Überforderung auf Mitarbeiterseite gegenüber.

  2. Norbert Zimmering sagt:

    Danke für diesen Beitrag, der viel häufiger als wir denken, den Pflegealltag bestimmt. Eignet sich gut für sog. Fallbesprechungen (besser: Bewohnerbesprechungen) im Team. Zutreffend erwähnen Sie, Herr Rüsing, dass die Frage, ob Lügen gerechtfertigt sein kann, nicht aus moralischer Sicht beantwortet werden darf. Gleichwohl sind mir aus meiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Einrichtungsleiter Beispiele bekannt, dass Mitarbeitende, insbesondere wenn sie aus einem streng religiösen Elternhaus kommen, sich weigern, den Bewohner anzulügen. Beispiel: für eine Bewohnerin – nennen wir Sie Frau Müller – war es jahrelang selbstverständlich, den Sonntagsgottesdienst ihres früheren Lebensortes zu besuchen. Das wussten wir, weil wir uns bei der Aufnahme mit ihrer Biografie befasst haben und waren deshalb nicht überrascht, dass sie sich wie selbstverständlich sonntags zur üblichen Gottesdienstzeit auf den Weg machte. Die Personalbesetzung am Wochenende ist völlig unzureichend und so wurden seitens der Pflegenden Gründe gesucht, um Frau Müller den Wunsch (das Bedürfnis) auszureden und abzulenken. Zum Glück hatten wir eine Mitarbeiterin, die herausgefunden hatte, das es Angehörige von Mitbewohnern gab, deren Mutter auch zum Gottesdienst wollte und – nachdem wir uns bei den Angehörigen von Frau Müller die Zustimmung haben geben lassen, das Frau Müller von Familie S. mitgenommen werden darf (Achtung: versicherungsrechtliche Absicherung) – somit musste Frau Müller auf den Gottesdienstbesuch nicht verzichten. Nicht immer gibt es solche glückliche Fügungen. Dort, wo aus organisatorischen oder sonstigen Gründen der Besuch des Sonntagsgottesdienstes nicht ermöglicht werden kann, sollte mit dem für die Bewohnerin vertrauten Pfarrer Kontakt aufgenommen werden. Möglicherweise gibt es in der Gemeinde ehrenamtliche Mitarbeiter/innen, die bereit sind, Frau Müller oder andere Bewohner sonntags zum Gottesdienst zu begleiten. Gerade dementiell veränderte Menschen leben oft und stark in der Vergangenheit und erinnern sich in seelischer Weise an das, was ihnen im Leben besonders wichtig geworden ist und Halt gegeben hat. Aus solchen Kontakten hat sich oft ein regelmäßiger Besuchsdienst entwickelt. Frau Müller hatte wieder eine Bezugsperson ausserhalb des Heimes, die nur für sie da war. Das wirkte sich positiv auf ihre Demenz aus (und auch die Pflegenden waren entlastet).

  3. Genau meine Haltung. Versuchen, im Sowohl als Auch zu denken. Ich selbst habe auch schon den Begriff des „Therapeutischen Lügens“ aufgeschnappt und verwendet. Ich kann die Bedenken gut nachvollziehen, will aber anmerken: In der Beratung von pflegenden Angehörigen fällt oft auch, wie überfordert die Menschen sind und wie schwer es für sie ist, Auswege aus verfahrenen Situationen zu finden. Vielen fällt es sehr schwer, sich mit einer „Notlüge“ zu behelfen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Und dann hilft es, wenn ich sage, dass es ja auch sogenannte therapeutische Lügen gibt; therapeutisch im heilenden Sinn! So können sich die Angehörigen die Lüge besser verzeihen.
    Im professionellen Kontext erwarte ich selbstverständlich mehr, selbst wenn es ganz bestimmt auch dort zu Situationen kommt, wo das Personal sich nicht mehr anders zu helfen weiß.
    Guter Beitrag, lieber Herr Rüsing! Habe ihn gleich mal im Netzwerk Demenz Rheingau-Taunus geteilt.

    • Norbert Zimmering sagt:

      Guten Morgen, Frau Heiler-Thomas! Als Jemand, der mehr als drei Jahrzehnte in der Verantwortung eines Einrichtungsleiters tätig sein durfte, haben mich die Begegnungen mit Menschen mit dementiellen Veränderungen so „beflügelt“, das ich mich in meiner Heimatstadt Fröndenberg seit meinem Ruhestand an der Gründung des Netzwerkes Demenz beteiligt habe und insbesondere Angehörige schule und begleite. Ich teile Ihre Haltung und würde gegenüber Angehörigen nicht den belasteten Begriff „Lüge“ gebrauchen. Je fremder z. B. der Partner bzw. die Partnerin geworden ist, um so wichtiger ist es, Möglichkeiten zu finden, diese Fremdheit zu überwinden, um mein Gegenüber zu erreichen. Deshalb ist auch biografisches Arbeiten ein wesentliches Element meiner begleitenden Arbeit. Nicht jeder Weg in der Begegnung mit an Demenz erkrankten Mitmenschen endet in einer Sackgasse. Deshalb ist es unerlässlich, eine „heilendende“ Begegnung zu gestalten. Sie werden mir sicherlich zustimmen, dass es eine Frage der inneren Haltung ist, mit der ich den Angehörigen, besonders aber den dementiell veränderten Menschen begegne. Sie zum Massstab pflegerischen Handelns zu machen, würde auch den täglichen Alltag mit Bewohnern leichter machen, die man sehr schnell mit dem Etikett vom „herausfordernden Verhalten“ stigmatisiert. Ihnen und Ihren „Mitstreiterinnen und Mitstreitern“ wünsche ich alles Gute. Bleiben Sie gesund! Herzliche Sonntagsgrüsse! Norbert Zimmering

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