Fallbeschreibung (010)

– Diskutieren Sie mit – Die DZLA Fallvorstellung –

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Fallbesprechung: Herr Posner

Hr. P, 84 J., lebt freiwillig und auf eigene Initiative in einem Heim in Süddeutschland. Er ist das 5. Kind von 8, der Liebling seiner Mutter, ein ganz besonderes Kind – so heißt es. Er ist verwitwet seit einigen Jahren und hat, so sagt er, den Tod seiner Frau schlecht verkraftet. Mit dieser hat er 4 Kinder, einen Sohn und drei Töchter. Dass aus ihnen ‚was geworden‘ ist, darauf ist er stolz. Zu einer Tochter ist der Kontakt abgebrochen.

Seine Frau habe er jung geheiratet und sie sich so ‚gezogen‘, dass sie ihm passt. Er hat wenig Respekt vor Frauen und meint, die müsse man sich erziehen, die müssten spuren und folgen. Von Frauen lässt er sich ungern etwas sagen. Er ist es gewohnt, von seinen Frauen bedient und verwöhnt zu werden. Widerworte habe es bei ihm nicht gegeben. Beruflich war er viel als Handelsreisender unterwegs. Fremdgegangen aber sei er nie. Gesellschaft war ihm wichtig: er war im Gemeinderat tätig, musizierte in einer Gruppe (traditionelle Musik) und engagierte sich im Fußballverein.

Schon vor dem Tod erlitt er einen Schlaganfall, den er aber recht gut verkraftet hat. Er leidet zudem an einer beginnenden vaskulären Demenz (und Bluthochdruck und Diabetes): oft ist er vergesslich, fällt zuweilen (besonders in Gruppen) aus der Situation und kann (oder will?) dem Geschehen nicht so recht folgen. Exekutivfunktionen sind allerdings noch weitgehend erhalten.

Er ist stolz darauf, Selbstzahler zu sein. Immer wieder betont er, er habe Geld, habe es geschafft, einer ‚sauberen Arbeit‘  nachzugehen, daher könne er verlangen was er wolle. Das sagt er besonders bei Anlässen, bei denen er Pflege in Anspruch nimmt, sich dabei viel Zeit lässt und – obwohl er sich eigentlich gut selber pflegen kann – auf der Anwesenheit einer ‚Examinierten‘ besteht. Geschieht dies nicht in angemessenem Umfang, beschwert er sich.

Hr. P. ist mobil, kann Speisen und Getränke selbstständig zu sich nehmen, braucht Pflege nur in geringem Umfang. Dass er unbedingt ins Heim wollte ist aus dem Pflegebedarf nicht abzuleiten.

Hr. P. verbringt den Tag damit, im Haus auf und ab zu gehen und alles genau zu beobachten. Bei Veranstaltungen taucht er nur kurz auf, geht dann aber wieder – allerdings immer so, dass es von allen registriert wird, dass er da war und nun geht. Bei seinen Touren geht er häufig in die Zimmer anderer Bewohner – vorzugsweise dann, wenn diese nicht zugegen sind. Immer wieder wurde er dabei ertappt, wie er sich in anderen Zimmern umschaut, Bücher herausnimmt, in Schubladen kramt, ohne allerdings etwas mitzunehmen. Wird er dabei von Mitarbeitern angesprochen winkt er ab und minimiert das Geschehen, er wollte ja nur mal nachsehen. Allerdings reagiert er sehr empfindlich, wenn andere Bewohner sich in seinem Zimmer umsehen.

Hr. P. versteht sich gut darauf, Mitbewohner und Mitarbeiter empfindlich verbal zu kränken. Er zeigt eine ausgesprochene Begabung, Schwächen zu erspüren und diese verbal verletzend einzusetzen. An seinem Mienenspiel ist zu erkennen, dass er es sichtlich genießt, wenn  sich andere ärgern, böse werden, sich seine Gegenwart verbitten. Er lächelt dann zufrieden (so sieht es jedenfalls aus) und zieht sich manchmal zurück. Zuweilen unterhält er sich auch länger mit einem Bewohner der neu eingezogen ist. Alle Neuigkeiten nimmt er aufmerksam zur Kenntnis und nutzt dies bei nächster Gelegenheit.

Bsp.: eine Bewohnerin hält das Bild ihres letzten Hundes in der Hand. Er geht auf sie zu und bemerkt, dass der ja nun habe nicht mitkommen können und nun elendiglich im Tierheim verrotten müsse. Geht er an Personen vorbei, die an Demenz leiden, tippt er sich an die Stirn oder macht kreisrunde Bewegungen am Kopf (‚meschugge‘). Adipöse Mitarbeiterinnen fragt er freundlich, wieviel Breitenumfang sie seit letzter Woche zugelegt haben. Männern in der Pflege attestiert er, doch keine echten Kerle zu sein, eher Schlappschwänze ohne Mumm. Als Mann mache man ‚so etwas‘ nicht. Auf die Frage nach seinem Alter tippt er sich an den Kopf, der sei achtzig, auf das Herz, das sei 60, dann auf seine Scham, die sei 20. Es gibt kaum eine Begegnung, die nicht mehr oder weniger mit offenen oder versteckten Invektiven, Anspielungen, subtilen Gemeinheiten, sexuellen Anzüglichkeiten einhergehen. Oft sind diese geschickt verpackt, so dass man, obgleich verletzt, gar nicht genau weiß, wie man das Kränkende benennen soll. Junge Mädchen mag er besonders gern, geht ihnen nach und erzählt anzügliche Witze. Er glaubt, für Frauen etwas ganz Besonderes, eigentlich unwiderstehlich zu sein. Er habe bei den Frauen immer Glück gehabt bzw. sie sich gut ‚gezogen’. Zeigen sich die jungen Frauen erschrocken, legt er munter nach.

Inzwischen ziehen sich Bewohner zurück, wenn er in die Gruppe kommt. Oft geht er zu Bewohnerinnen, von denen er weiß, dass sie ihn nicht mögen und sagt etwas Kränkendes. Die regen sich dann auf, schimpfen, er aber bleibt lächelnd dabei und gießt mit Bemerkungen weiter ‚Öl ins Feuer‘.

Die Fallvorstellung 010 ist hier abrufbar:

Weitere Fallbeschreibungen sind hier abrufbar: https://www.dzla.de/category/fallvorstellungen/

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Eine Antwort

  1. Meder, Jutta sagt:

    Die MA in der Pflegeeinrichtung können Herrn Posner nicht mehr „ziehen“. Das hätte Herrn Posners Mutter tun sollen. Die MA könnten von Supervisionen profitieren.
    Durch Stärkung der eigenen professionellen Rolle kann Distanz zu den persönlichen Kränkungen des Herrn Posners geschaffen werden.

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