Fallvorstellungen (003)

Fallvorstellungen (003)

Dialogzentrum Leben im Alter

– Diskutieren Sie mit – Die DZLA Fallvorstellung –

Wir möchten mit Ihnen über konkrete (anonymisierte, aber reale) Fälle in Kontakt kommen und diese diskutieren. Dazu präsentieren wir einen Fall, kommentieren ihn und stellen ein paar Fragen. Sie sind eingeladen, Ihrerseits den Fall zu kommentieren. Wir sammeln Ihre Reaktionen, fassen sie zusammen und hängen sie an die Fallbeschreibung an. Wenn keine Einträge mehr kommen, schließen wir den Fall und eröffnen einen neuen.


DER FALL (Hr. Klein – 02/2020)

BASISBESCHREIBUNG

Herr Klein: Einmal Wirt, immer Wirt!

Seit Mai 2019 lebt Herr Klein (Jg. 1944) in einem Altenheim im Ruhrgebiet. Er kam in einem körperlich gesunden Zustand von zuhause ins Heim, ist aber an Demenz (unklarer Genese) erkrankt. Er sieht für sein Alter gut aus, schlank und rank, stets braungebrannt und wortgewandt. Er lebte alleine in einer Wohnung und wurde dort von seiner Ex-Frau betreut. Er ist gelernter Konditor und Gastwirt, wirtete erfolgreich über Jahre in der Region. Auf seinen Reisen und im Beruf lernte er nebst den vielen Sprachen auch Umgangsformen mit allerlei Menschen. Diese sind im Alltag immer noch sehr deutlich spürbar. Es soll deshalb nicht respektlos klingen, wenn er von Bekannten als „Casanova“ beschrieben wird. Nach seiner Scheidung lebte er – nach eigenen Angaben – nicht nur traurig und enthaltsam. Er kommt allen Menschen sehr nah, tut dies meistens überaus höflich, galant und zuvorkommend. Doch manche Menschen bekunden Mühe mit dieser Nähe, die sich je nach dem für Aussenstehende auch sonderbar zeigt.

Beim Eintritt in die Einrichtung fuhr er noch täglich Rennrad. Er fand aber den Heimweg nur mit einer auf den Lenker geklebten Visitenkarte. Das Rennrad liess er dann mal irgendwo stehen und wir fanden es bis heute nicht mehr. Jetzt wandert er. Geht in die nahgelegenen Parks und kehrt verschwitzt und müde zurück. Seine örtliche Orientierung ist noch nicht derart eingeschränkt, so dass er den Heimweg immer noch findet. Zeitlich weiss er auch, wann er zum Mittagessen auftauchen muss. Beim Frühstück und Abendbrot nimmt er es nicht so genau. Er merkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt, kann es auch benennen („Vergesse halt viel“). Abmachungen sind deswegen schwer einzuhalten. Ein einfacher Botengang ist eine Einbahnstrasse mit offenem Ausgang. Selbst an 5 Minuten-Abmachungen kann er sich nicht halten. Ein kurzer Schwatz da, eine Idee dort, ein spontaner Einfall oder ein neues Ziel verunmöglichen es. 

Bei uns traf er auch nach Jahrzehnten wieder eine ehemalige Bekannte, Frau Kemmerich (Jg. 1949). Sie ist wie er an Demenz erkrankt. Sie kamen sich vor ein paar Monaten näher. Immer wieder ziehen sie sich für intimere Zärtlichkeiten in sein Zimmer zurück. Frau Kemmerich ist ruhig und sehr angepasst. Sie litt vor der Bekanntschaft mit Herrn Klein unter ihrer Lebensgeschichte mit Scheidung und niedrigem Selbstwertgefühl, das sich unter anderem in massiven Essattacken und Übergewicht zeigte. Doris blüht seit dem Kontakt wieder auf. Momentan ist Frau Kemmerich für Herrn Klein ein wenig zu aufdringlich und er flüchtet mehrheitlich vor ihr. Doch ab und zu, nicht mehr so häufig wie anfänglich, tauschen sie immer noch Zärtlichkeiten aus.

Im Heim gibt es niemand, der an ihm vorbeikommt. Personal, Gäste und Mitbewohner werden von ihm vereinnahmt. Mit seiner positiven und kontaktfreudigen Art eckt er auch bei vielen an. Z.B. bei den kognitiv starken Frauen auf seinem Wohnbereich. Er kann die geäusserten Abweisungen und Klarstellungen im Moment des Geschehens zwar verstehen und einordnen. Aber mit dem Speichern ist das so eine Sache. Er kommt immer wieder – fast täglich – in die gleichen Situationen, z.B. wenn er Frauen sehr eindeutig und –fühlsam streichelt. Emotional speichert er die Rückmeldungen und Erlebnisse. Die daraus gezogenen Konsequenzen tragen dazu bei, dass er des Öfteren traurig wird. In letzter Zeit ist er oft genervt und gespannt. Er teilt verbal ungefiltert den zum Teil viel älteren Mitbewohnern aus, was er sieht und von ihnen denkt. Das kommt nicht sehr gut an. Auch anderen Menschen kommt er verbal sehr nahe. Seine anfänglich sehr charmant und galant ausgesprochenen Komplimente wenden sich nun in eine etwas gröbere, zum Teil vulgäre Art. Sein Filter abzuwägen, was er wem, wann und wie sagt, bröckelt erheblich. Nebst dem Frust, dass er merkt, dass er jetzt und künftig in einem Heim ist und leben muss, macht ihm auch der zunehmende Verfall seiner unbeschwerten Kommunikation und den Schwund seines Gedächtnisses zu schaffen. Letzthin meinte er, dass es „so doch keinen Sinn mehr macht zu leben“. 

Folgende Probleme sind aktuell im Alltag belastend:

Im Restaurant geht er zur Mittagszeit an die Tische und erkundigt sich nach dem Wohlbefinden der Gäste, ob es denn auch geschmeckt habe und gut sei. Oft kritisiert er selber die Speisen und führt sich dann wie der Chef auf. Hat auch schon spontan und unaufgefordert einen „trockenen Kuchen“ probiert, der ein Gast ihm als solchen schilderte. Letztens probierte er bei Bekannten aus einer Schüssel Kartoffeln und Gemüse auf deren Bissfestigkeit. Am Nachmittag setzt er sich zu den vorwiegend weiblichen Gästen und plaudert frisch fröhlich im Small Talk mit, streichelt den Gästen über den Rücken oder tätschelt die Beine der Damen. Erzählt dann immer die gleichen Geschichten. Er kennt viele der Frauen von früher. Sagt er. Das Servicepersonal im Restaurant ist damit völlig überfordert, weiss mit dem wortgewandten Herrn nicht umzugehen. Sie rufen die Pflegenden um Hilfe und wir führen ihn dann sachte weg. 

Kindern, die häufig vom Spielplatz zu uns kommen, im Restaurant am Essen sind oder von der Kindertagstätte im Haus oder auf Station herumlaufen, werden von ihm geküsst. Ebenso willige Mütter oder Grossmütter. Im Vorbeilaufen kann es auch sein, dass er ein Kind im Kinderwagen tätschelt. Alles liebevoll und gut gemeint. Er kennt ja eben alle. Ob das so ist, lässt sich nur schwer nachvollziehen. Eine körperlich stark eingeschränkte Frau küsste er bei jeder Mahlzeit auf die Wange. Sie liess es geschehen und freute sich. Mittlerweile küsst er sie auf den Mund. Sie freut sich immer noch. Die Angehörigen sind schockiert. Vor allem auch, weil seine Streicheleinheiten sich nicht mehr nur auf die Schulter/Rückenpartie beschränken. Er meinte als eine Tochter ihn brüsk stoppte, dass er ihre Mutter schon „küsste, als sie noch ganz klein war“. Die Tochter entgegnete, dass das nicht wahr sei, ihre Mutter hätte nur ihren Vater geküsst. Er (lächelnd): „Meinst du…?“.

Herr Klein ist ein gutmütiger und fröhlicher Mensch, der jeder Gesellschaft in gewissem Masse gut tut. Viele freuen sich ehrlich, ihn zu sehen. Manche bekunden Mühe mit den Veränderungen. Seine Auffassung von Nähe und Distanz ist ein markanter Teil seiner Persönlichkeit und wird durch seine Erkrankung noch verstärkt. Es widerspricht unserer Philosophie, ihn zu sedieren und so gefügiger zu machen. 

Aktuelle Massnahmen:

  • Beschäftigung im Alltag mit einfachen Büroarbeiten. Er fühlt sich damit allerdings unter seiner Würde beschäftigt. Er zürnt auch, wenn ihm etwas nicht gelingt. 
  • Projekt Service: Herr Klein serviert in einem anderen Wohnbereich das Mittagessen. Er unterstützt die zuständige Serviceperson und wird von einer Pflegeperson angeleitet. 
  • Restaurant informiert die Pflege, wenn er aufdringlich wird.

Geplante Maßnahmen

  • Wir schulen baldmöglichst das Servicepersonal im Restaurant, damit diese Handlungskompetenzen entwickeln, damit sie ihn aus dem Geschehen ziehen können. 
  • Einsatz von Herrn Klein im Restaurant als „light Version“ oder in der Küche als Bäcker. 
  • Fixe Tagesstruktur auf Station zu den Stosszeiten, damit er nicht unten aufkreuzt.

Assoziationen zum Fall

Dies ist eine Situation mit einem Bewohner, der so gut wie keinen körperlichen Pflegebedarf aufweist, allerdings nicht mehr alleine und ohne Begleitung leben kann. Der Begleitungsaufwand ist hoch: Mitarbeiterinnen müssen immer wieder eine ‘Pufferzone’ bilden, da man ihm die Demenz ‘nicht ansieht’ und daher nicht Eingeweihten eine angemessene Rücksichtnahme nicht unmittelbar evident ist. Sein umtriebiges Kontaktverhalten führt auch nicht zu Selbst- oder Fremdgefährdungen, solange er in der Einrichtung verbleibt. Es führt aber immer wieder zu erheblichen Irritationen, die wiederum negativ auf ihn zurückwirken. 

Mitarbeitende erleben sich ambivalent positioniert: Er wird von ihnen sehr gemocht und man kann viel Spaß mit ihm haben. Er ist ein echtes Original. Andererseits sind sie beständig auf der Hut, insbesondere dann, wenn Angehörige oder Besucher präsent sind. Schwierig wird es, wenn gelegentlich kein Mitarbeiter die Pufferzone bilden kann und Situationen eine eskalierende Dynamik annehmen.

Die Situation scheint sich zuzuspitzen und Herr Klein kann sich zunehmend mit den Irritationen schlechter auseinandersetzen. Depressive Verstimmungen nehmen zu. Die Abwehr anderer kann er immer schlechter einordnen und er wird wütender.


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