Fallvorstellungen (008)

DZLA Dialogzentrum Leben im Alter

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Fallbesprechung: Fr. Wiesner

Wie zumeist ist über den Hintergrund der Heimbewohnerin wenig bekannt. Sie war
verheiratet und hat 2 Kinder, die sie aber nicht selbst behalten und erziehen konnte, also
abgeben musste. Ein Kontakt zu ihnen besteht nicht. Über den Ehemann ist nichts bekannt.
Eine Weile arbeitet sie wohl in einem Nagelstudio, wurde aber dann alkoholabhängig und
obdachlos. Wie lange das ging ist nicht bekannt, aber irgendwann wurde seitens der Stadt
eine Betreuung eingerichtet und ein Platz im betreuten Wohnen gefunden. Dort setzte eine
Verwahrlosung ein. Der Versuch, die mittels ambulanter Pflege zu versorgen scheiterte.
Angeblich hat sie sich seit 1 Jahre nicht gewaschen und die Wäsche nicht mehr gewechselt,
den ambulanten Dienst schmiss sie hinaus. Schlussendlich kam es zum Heimaufenthalt, da die
Geruchsbelästigung und diverse andere Störungen aufgrund des Alkoholabusus mit einem
Verbleib nicht mehr vereinbar waren.


Die pflegerische Versorgung im Heim gestaltet sich schwierig: an manchen Tagen lässt sie eine
Versorgung zu. Zumeist reicht es, sie zur Selbstpflege anzuleiten. Zumeist aber wehrt sie das
pflegerische Anliegen massiv ab. Sie schimpft und flucht dann grob und beschuldigt die
Mitarbeiter maßlos. Auffällig ist der ‚switch‘: eben noch ging alles gut, plötzlich kippt die
Stimmung und Mitarbeiter werden wütend beschimpft und müssen das Weite suchen, eine
Verhandlung ist nicht mehr möglich. Ist dieser Stimmungswechsel eingetreten, dann lässt sie
auch den Wäschewechsel des Betts nicht zu selbst dann, wenn dies stark eingenässt und
verkotet ist. Sie ruft dann oft nach der Feuerwehr oder der Polizei. Mitarbeiter haben ihr dann
schon angeboten, die Polizei zu rufen und ihr den Hörer gereicht, – das wollte sie dann doch
nicht.


Wie bei Menschen, die Obdachlosigkeit erfahren haben, ist ihr der persönliche Besitz
besonders wichtig, ja heilig. Nicht mal in die Nähe des Schrankes lässt sie einen kommen. Ist
sie in besagter wütender Stimmung, packt sie auch die eingestuhlten/eingenässten Sachen
zusammen und räumt sie in ihren Schrank. Dieser ist sehr schön aufgeräumt, alle Sachen sind
fein säuberlich gefaltet. Die meiste Zeit des Tages verbringt sie vor dem Schrank, den sie
bewacht. Mehrfach haben die Mitarbeitenden beobachtet, dass der Anblick eingestuhlter
oder eingenässter Wäsche diesen Stimmungsumschwung auslöst. Dies ist aber nicht immer,
aber auffällig häufig der Fall. Dennoch: konnte man trotz alles Schimpferei die Pflege
erfolgreich zu Ende führen, dann bedankt sie sich.


Dieser Zusammenhang für den ‚switch‘ ist aber nicht immer gegeben: oft kommt sie aus ihrem
Zimmer, man sieht ihr die Spannung im Gesicht bereits an, dann zeigt sie auf einen
Mitarbeiter/in oder eine Mitbewohner/in (ziemlich beliebig) und fängt an, diese wütend als
das Übelste, Schlimmste, das Letzte zu beschimpfen.

Man kann sich gut mit ihr unterhalten, wenn man pflegerisch nichts von ihr will. Sie zieht es
vor, die Mahlzeiten im eigenen Zimmer einzunehmen und schätzt es, wenn man sich zum
Gespräch dazusetzt. Tendenziell kommt sie mit Männern besser zurecht als mit Frauen,
beschimpft werden diese aber auch, wenn der ‚switch‘ erfolgt ist.
Gelegentlich kann sie sich auch freundlich zeigen: obwohl sie keinen Kontakt zu den Kindern
hat, scheint sie (irgendwann) Bilder von ihnen bekommen zu haben.
Über diese spricht sie gerne und – scheint – dabei Geschichten über sich und die Kinder
auszudenken (zu konfabulieren), die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht stimmen (können, da
sie die Kinder kurz nach der Geburt abgeben musste).
Gelegentlich möchte sie dann plötzlich hilfreich sein. Sie möchte dann anderen
Bewohner/innen Mahlzeiten reichen, Getränke anreichen, beim Transfer helfen.

Fallbesprechung 008 hier abrufbar:

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