Kunst und Demenz

Auf die Schnelle-

Einleitung:

Da Demenz zurzeit nicht heilbar ist gilt die Aufmerksamkeit allen Möglichkeiten, ihren Verlauf günstig zu beeinflussen. Demenz tritt eher selten in Isolation, sondern zusammen mit einer Vielzahl anderer körperlicher und seelischer Beeinträchtigungen auf. Maßnahmen wirken immer auf die ganze Person und trotz strenger Forschungsmethodologie ist es schwer zu sagen, ob eine Intervention sich auf die Demenz selbst oder eine begleitende Depressivität günstig auswirkt.

Neben musischen und religiösen Aktivitäten rückt die Kunsttherapie zunehmend in den Blick. Die hier zum Einsatz kommenden Methoden fallen sehr unterschiedlich aus, so dass die Begleitforschungen zu unterschiedlichen und schwer zu vergleichenden Befunden kommen. Insgesamt versteht man unter Kunsttherapie einen therapeutischen Prozess auf der Basis von spontanen oder angeleiteten Ausdrucksformen, der sich unterschiedlicher Materialen und Techniken wie Malen, Zeichnen, Skulpturieren, Tonarbeiten etc. bedient. Teilnehmende werden in planende, kreative, kontrollierende Aktivitäten einbezogen, die auch Entscheidungen, Austausch, verschiedene kognitive Fähigkeiten anregen und damit einen möglichen positiven Effekt auf bestehende kognitive Beeinträchtigung haben können. Vorliegende Arbeit fasst zusammen, was über die Effekte von Kunsttherapie auf kognitive Beeinträchtigung bekannt ist.

Methode:

Es handelt sich um eine systematische Literaturanalyse. Suchstrategie, Auswahl und Bewertung der Studien werden beschrieben. Die Ergebnisse unterschiedlicher Studien werden zusammenfassend beurteilt.

Ergebnisse:

Insgesamt konnten 12 aussagefähige Studien (RCT) aus den Jahren 2004-2019 identifiziert und ausgewertet werden. Die Aussagen basieren auf Untersuchungen von 831 Teilnehmenden mit kognitiver Beeinträchtigung und einem durchschnittlichen Alter von 71,4 Jahren. Die Qualität der Studien wird zusammenfassend als akzeptabel beurteilt. Neben den bereits beschriebenen Techniken kommen auch andere Prozesse zum Tragen wie Kunstunterricht, Diskussionen und kunstbezogene Meditationen. Um die verschiedenen Prozesse und Studien miteinander in Beziehung zu setzen werden essentielle Charakteristika der Kunsttherapie wie folgt definiert: Kunsterziehung/Bildung, Erinnerung, Kunstprozess, Kunstbewertung/Evaluation, Kunstanleitung/Modellierung, soziale Aspekte der Kunst. Alle beschriebenen Interventionen sind gruppenbasiert und erlauben, während der künstlerischen Tätigkeit miteinander zu interagieren.

In sieben Studien weisen die Daten auf eine moderate Verbesserung globaler kognitiver Funktionen in Bezug auf eine Vergleichsgruppe hin. Diese Verbesserungen traten besonders in den Bereichen Arbeitsgedächtnis, Ereignisgedächtnis und visospatiale Funktionen, nicht aber die Verarbeitungsgeschwindigkeit. Deutliche positive Effekte konnten auch für Depressivität und Ängstlichkeit zu Beginn, nicht aber am Ende der Interventionen gezeigt werden.

Bei genauerer Betrachtung der Studien fiel auf, dass Interventionen, die möglichst viele der erwähnten essentiellen Charakteristika aufwiesen, die verschiedene assoziierte weitere soziale Aktivitäten miteinbanden, eine hohe Kreativität erforderten (im Unterschied zu vorgegebenen, schematisierten Aktivitäten, z.B. ausmalen), unter Musikbegleitung stattfanden und länger dauerten (‚Dosierung‘: 12 Sitzungen) auch bessere Resultate zum Ergebnis hatten.  

Diskussion:

Kunsttherapie hat eine deutliche positive Wirkung auf kognitive Funktionen bei Menschen mit dementsprechenden Beeinträchtigungen. Teilnehmende an den Studien waren zumeist Menschen mit leichter bis mittelschwerer Beeinträchtigung. Die sozialen Aspekte wie einander im Prozess unterstützen, die Ergebnisse gemeinsam beraten, sich anregen lassen und etwas ausprobieren spielen dabei neben feinmotorischen Herausforderungen eine wesentliche Rolle, also die Kombination von Kreativität und Interaktion. Aktivitäten, die bereits ‚vorgefertigt‘ waren und weniger die Kreativität ansprachen zeigen dagegen keine besonderen Effekte.

Die Walisische Studie untersucht, wie sich ein von Menschen mit Demenz, professionell Pflegenden und Angehörigen gemeinsam besuchtes Kunstprogramm auf die Haltungen und Einstellungen zur Demenz auswirken. Über 12 Wochen hinweg nehmen die 146 beteiligten Personen wöchentlich an einer 2-stündigen Kunstaktion teil. Effekte werden quantitativ über einen Fragebogen und qualitativ anhand von Interviews erhoben. 6 unterschiedliche Einrichtungen (Pflegeheime und Krankenhäuser) nehmen teil. Die Intervention folgt einem standardisierten Verfahren und wird von ausgebildeten Kunsttherapeuten durchgeführt. Die jeweiligen Sitzungen umfassten sowohl Kunstbetrachtungen wie eigenes künstlerisches Schaffen aller Beteiligten. Einschätzungen zur Haltung und Einstellung gegenüber Menschen mit Demenz wurden zu Beginn und am Ende der Maßnahme durchgeführt und wiesen keinen besonderen Effekt bzw. Wirkung der Maßnahme auf. Insgesamt aber zeigten die Angehörigen eine weniger personzentrierte Haltung als Professionelle auf. Vielfältig aber fielen die Wahrnehmungen und Bewertungen bezüglich der Effekte aus, den Kunsttherapie auf alle hatte:

Angehörige und Professionelle teilten den Eindruck, dass die Aktion die Stärken und Fähigkeiten der Personen mit Demenz hervorhebt, man habe Menschen gesehen, die Stolz sind auf das Werk. Das gemeinsame künstlerische Schaffen erzeugt einen gemeinsamen Bezugspunkt und lässt die Demenz als unterscheidendes Merkmal in den Hintergrund treten. Man komme auf eine Art und Weise zusammen in einer gemeinsamen Tätigkeit wie sonst nie. Personen mit Demenz eröffneten während dieser Tätigkeit auch ihre subjektiven Empfindungen, – auch in Bezug auf Demenz. Diese Begegnung auf Augenhöhe sei sonst eher selten. Man erfahre die Personen entspannter und mehr in Verbindung mit anderen und sich selbst. In der Gruppe entwickle sich eigen eigene Art von schaffender Kameraderie: Aktivität und soziale Interaktion finde außerhalb und unabhängig von der Diagnose und den damit zusammenhängenden Zuschreibungen und Abläufen statt.

Im Unterschied zu den Professionellen äußerten sich Angehörige verhaltener, vermuteten einen eher kurzzeitigen Effekt. Die Personen mit Demenz würden dies schnell vergessen, vielleicht aber nicht das Gefühl, in Gemeinschaft etwas erfahren und geschaffen zu haben. Es sei angenehm, den Partner/das Familienmitglied in einem so ganz anderen Kontext zu erleben, dies rege einen an, durchaus eine Reihe verschiedener Aktivitäten auszuprobieren, an die man bislang nicht gedacht habe. Professionelle gaben zu bedenken, dass sie gelernt haben, nicht so schnell einzugreifen, mehr zuzulassen, mehr einfache aber abwechslungsreiche Aktivitäten anzubieten.

Zusammenfassend äußerten Angehörige und Professionelle, die Kunstaktion habe ihnen geholfen, mehr die Person hinter der Krankheit zu sehen.

Quellen:

Maskia, G., Yu, D., Li, P. (2020). Visual art therapy as a treatment option for cognitive decline among older adults. A systematic review and meta-analysis. Journal of Advanced Nursing, 76, 1892-1910

Vgl.: Windle, G., Caulfield, M. et al. (2020). How can the arts influence the attitudes of dementia caregivers? A mixed-methods longitudinal investigation. The Gerontologist, 60(6), 1103-1114


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Christian Müller-Hergl

Dialogzentrum Leben im Alter (DZLA)

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