Lesen und Demenz

-Lichtblicke-

Einleitung

Der Begriff ‚kognitive Reserve‘ wird bemüht, um Unterschiede im Beginn und zeitlichen Verlauf einer Demenzerkrankung (teilweise) zu erklären. Kognitiv anregenden Aktivitäten gelten zudem als Faktoren, die zum Erhalt kognitiver Funktionen bis ins hohe Alter beitragen können. Dazu zählt auch das Lesen. Ob und wie häufig Menschen lesen hängt freilich von vielen Bedingungen ab: beginnend von der Sehfähigkeit über die Bildung sowie gesundheitlichen Einschränkungen, welche das Lesen behindern.

Die vorliegende taiwanesische Langzeitstudie geht über einen Zeitraum von 14 Jahren der Frage nach, ob Lesen vergleichsweise zum Erhalt kognitiver Fähigkeiten beiträgt und ob das Bildungsniveau dabei einen Unterschied macht.

Methode

Die taiwanesische repräsentative Langzeitstudie lief von 1989 bis 2011 und erfasste eingangs 4049 Personen. Im Abstand von 3-4 Jahren erfolgten immer dieselben Untersuchungen kognitiver Fähigkeiten, Gewohnheiten, alltagsrelevanter Tätigkeiten (Fernsehen, Garten, Spielen, Besuche, weitere Freizeitaktivitäten) sowie weitergehender gesundheitsrelevanter und demographischer und sozioökonomischer Daten.  Die Lesegewohnheiten wurden subsumiert unter einer Gruppe mit wenig und mit viel Lesen. Beschrieben wird die sehr umfassende und differenzierte statistische Analyse, bei der Faktoren wie u.a.  Bildung, Gesundheit und sozioökonomischer Status berücksichtigt wurden.

Resultate

Wer mehr liest, der weist über den Zeitraum von 14 Jahren hinweg einen vergleichsweisen geringeren Verlust an kognitiven Fähigkeiten auf – und dies unabhängig vom Bildungsniveau! Man könnte vermuten, dass der Effekt besonders stark ausfällt für Personen mit einem höheren Bildungsniveau. Zwar erwies sich auch in dieser Studie: je höher das Bildungsniveau, desto geringer der kognitive Niedergang. Allerdings ließ dieser Bildungsvorteil im Laufe der Jahre nach, so dass es gerade Personen mit niedrigem Bildungsniveau, aber einer hohen Lesefrequenz waren, die am Ende vom Lesen am meisten profitierten. In der Gesamtschau auf 14 Jahre konnte kein Unterschied in Beziug auf kognitive Funktionen festgestellt werden, egal ob die Personen über eine höhere oder niedrige Bildung verfügten – so denn sie eifrige Leser waren. Lesen erhöht das ‚kognitive Kapital‘ und wirkt dem kognitiven Niedergang entgegen.

In diesem Arbeitsbuch werden Möglichkeiten vorgestellt, Identität und Orientierung durch ein Erinnerungsbuch zu unterstützen. Dabei spielt Lesen als ‚überlernte Fähigkeit‘ des prozeduralen Gedächtnisses eine wichtige Rolle. Im Durcharbeiten des Erinnerungsbuches können sich Personen mit Demenz immer wieder ‚rekalibrieren‘, also sich elementarer Ankerpunkte ihrer Identität versichern. Das Arbeitsbuch enthält Anweisungen, wie ein solches Buch hergestellt werden kann.

Schlussbetrachtung

Darüber hinaus beschreibt die Autorin, dass schriftliche Informationen oft besser beachtet werden können insbesondere dann, wenn sie spezifisch in bestimmten Situationen eingesetzt werden. Regeln, die ansonsten vergessen und nicht beachtet werden, können in Schriftform vorgelegt bzw. gezeigt werden und finden dann und dort situativ Beachtung. Besonders interessant sind diese Ausführungen in Bezug auf herausforderndes Verhalten (im Buch ab S. 97): Glaubt die Person, ihr Geld sei gestohlen, legt man ihr ein Schriftstück hin mit dem Text ‚Ihr Geld liegt auf der Bank‘. Will sie sich trotz Sturzgefahr erheben, dann findet sie vor sich auf dem Tisch eine Notiz ‚Nicht alleine aufstehen‘. Fragt sie nach der Tochter, erhält sie den Text ‚Die Tochter kommt am Samstag‘. Die Autorin berichtet von vielen Vorkommnissen, in denen die schriftliche Information bzw. Instruktion besser ankommt und befolgt wird als mündliche Kommunikationen. Es wird vermutet, dass schriftliche Informationen anders verarbeitet werden als mündliche, dass Regeln (z.B. nicht in andere Zimmer gehen) nicht behalten und damit nicht beachtet werden können, wohl aber, wenn bei dem Versuch, in andere Zimmer zu gehen, diese Regel in Schriftform unmittelbar vorgehalten wird.

Es käme auf einen Versuch an!

Quelle

Chang Y., Wu, I., Hsiung, C. (2021). Reading activity prevents long-term decline in cognitive function in older people: evidence from a 14-year longitudinal study. International Psychogeriatrics, 33(1), 63-74

Vgl.: Bourgeois, M. (2014). Memory and Communication Aids for People with Dementia. Health Professional Press


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Christian Müller-Hergl

Dialogzentrum Leben im Alter (DZLA)

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