Lichttherapie fuer Menschen mit Demenz

Lichtblick

Hintergrund:

Es ist besser, herausforderndes Verhalten und affektive Symptome bei Demenz im Ansatz zu verhindern als zu versuchen, sie im Nachhinein zu behandeln. Ein möglicher Ansatz zur Prävention ist die Helligkeit. Es ist bekannt, dass Licht und Schlaf eng miteinander zusammenhängen und Störungen des circadianen Rhythmus negativ auf Stimmung und Verhalten durchschlagen. Helles Licht, so die Vermutung, kann sich auf Stimmung und Verhalten positiv auswirken, wie es ja bereits bei saisonal bedingten affektiven Störungen stimmungsverbessernd eingesetzt wird.

Eine möglichst einfache, den Alltag nicht weiter störende Anwendung sind an der Decke montierte Leuchten, die den Eindruck erwecken, die ganze Decke leuchte (Lichtdecken).  Einige vorliegende Studien legen nahe, dass deren Einsatz (bei 1000 lx) depressive und ängstliche Symptome deutlich nach vier Wochen lindern helfen.

Bisherige Forschungen weisen eine ganze Reihe von Mängeln auf, welche erlauben, die Ergebnisse anzuzweifeln: so ist unklar, ob die Art und Schwere der Demenz einen Unterschied machen, wie lange eine die Lichtdosis verabreicht werden muss, um einen Effekt zu erzielen, ob sich der Effekt mit der Zeit abschwächt, wie hoch die Lichtdosis auf Augenhöhe (sitzend) sein muss. Vorliegende Studie aus Norwegen versucht, durch ein anspruchsvolleres Forschungsdesign zu belastbaren Aussagen zu kommen.

Methoden:

Erhoben werden Daten zu Art und Schwere der Demenz der beteiligten Personen, zum herausfordernden Verhalten und affektiven Störungen an vier Zeitpunkten (Ausgangsdaten, dann nach 8, 16 und 24 Wochen). Weitere Daten betreffen den Schlaf, die Aktivitäten des täglichen Lebens, die Lebensqualität sowie die Anzahl der Stunden mit höchster Lichtexposition für jeden Teilnehmenden. Verglichen werden die Daten einer Interventions- und einer Kontrollgruppe. Die Daten werden von geschulten Pflegekräften erhoben, welche die Bewohner gut kennen. Teilnehmende sind HeimbewohnerInnen, mindestens 60 Jahre alt, die eine diagnostizierte Demenz, Schlafstörungen, herausforderndes Verhalten, affektive Störungen und Einschränkungen in den Lebensaktivitäten aufweisen. Teilnehmende BewohnerInnen kommen aus 8 Einrichtungen, von denen 4 der Interventions-, und 4 der Kontrollgruppe zugewiesen wurden.

In den Aufenthaltsräumen der 4 Interventionseinrichtungen wurden Lichtdecken eingebaut, die zwischen 10:00 und 15:00 die höchste Lichtintensität abstrahlten (1000 lx), beginnend am Morgen mit 400 lx und graduell reduziert am Nachmittag auf 400lx und 100 lx.

Resultate:

Daten von 69 Personen konnten einbezogen werden. 55% wiesen eine Demenz vom Alzheimertyp auf, 30,5% eine unbekannte Demenzform und 10% andere Demenzformen. Der mittlere MMSE-Wert betrug 4, die Mehrzahl der Teilnehmenden im FAST-Stadium 6 und 7,  also insgesamt schwere Demenz. Personen in der Interventionsgruppe verbrachten 3-4 Stunden im Aufenthaltsraum mit der höchsten Lichtintensität. Beide Gruppen unterschieden sich in der Ausgangsuntersuchung hinsichtlich affektiver Störungen und herausforderndem Verhalten: In der Interventionsgruppe fiel beides etwa doppelt so schwer aus wie in der Kontrollgruppe.

In beiden Gruppen verringerte sich das Ausmaß der affektiven Störungen nach 16 Wochen, in der Interventionsgruppe vergleichsweise deutlicher und ausgeprägter. Dieser vergleichsweise größere Rückgang konnte erst nach 16 Wochen, nicht aber nach 8 Wochen festgestellt werden. Ein weiterer Rückgang nach 24 Wochen konnte nicht beobachtet werden, es blieb also bei einem Effekt nach 16 Wochen. Ähnliches wurde anhand der Daten für neuropsychiatrische Symptome sichtbar: während die Daten für die Kontrollgruppe nach 16 Wochen fast gleich blieben, ergab sich für die Interventionsgruppe eine Reduktion neuropsychiatrischer Symptome um fast 50%.

Diskussion:

Die Studie lässt plausibel vermuten, dass sich affektive Symptome bei schwerer Demenz (Ängste, Depressivität, Traurigkeit) nach 16 Wochen unter dem Einfluss von Lichtdecken mit 1000lx reduzieren. Auswirkungen auf Agitiertheit (Unruhe, Negativismus, Gereiztheit) konnten dagegen nicht bestätigt werden. Veränderungen bezüglich Psychosen ergeben sich nicht, weil eingangs kaum psychotische Symptome vorlagen.

Die Zeit nach 16 Wochen fiel in den Zeitraum mit dem geringsten natürlichen Licht, so dass hier der Effekt auf die Stimmung besonders deutlich ausfiel. Der Zeitraum nach 24 Wochen fiel dagegen in den April mit deutlich mehr natürlichem Licht: dies könnte erklären, warum zu diesem Zeitpunkt kein zusätzlicher Effekt mehr erkennbar wurde. Lichtdecken, so könnte man abschließend vermuten, brauchen eine gewisse Zeit, um Wirkungen zu zeigen (16 Wochen) und erweisen sich als besonders hilfreich in der dunklen Jahreszeit.

Effekte auf den Schlaf ergaben sich gleichfalls nicht: das Schlafverhalten der Teilnehmenden blieb gleich. Daher: es steht zu vermuten, dass sich helles Licht wenig auf den Schlaf und der Schlaf sich wenig auf die affektiven Störungen auswirkt; vielmehr wirkt sich die hellere Beleuchtung direkt auf die Affektivität aus und der Schlaf spielt diesbezüglich eine geringe Rolle.

Da sich beide Gruppen in der Ausgangsuntersuchung unterschieden, steht zu vermuten, dass die Interventionsgruppe insgesamt mehr Potential für Verbesserungen aufwies als die Kontrollgruppe. Die mangelnde Vergleichbarkeit beider Gruppen verringert die Aussagekraft der Studie.

Quelle:

Kolberg, E., Hjetland, G. et al. (2021). The effects of bright light treatment on affective symptoms in people with dementia: a 24-week cluster randomized controlled trial. BMC Psychiatry, 21:377,

https://doi.org/10.1186/s12888-021-03376-y


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Christian Müller-Hergl

Dialogzentrum Leben im Alter (DZLA)

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