Lichtblicke (3/2019)

Lichtblicke (3/2019)

„Meeting Centers“ sind wirksam

In der Rubrik „Lichtblicke“ stellen wir von uns gefundene Studien, Konzepte, Best-Practice-Modelle und anderes vor, von denen wir glauben, dass das Wissen darum und dessen Anwendung die gerontopsychiatrische Pflege verbessern kann.

Im aktuellen Lichtblick von Christian Müller-Hergl geht es um den Einfluss des sozialen Umfelds auf den Verlauf von Demenzerkrankungen. Müller-Hergl diskutiert unterschiedliche Studien und stellt den Zusammenhanges von sozialen Umfeld und Demenzerkrankung anhand des Beispiels der „Meeting Centers“ in den Niederlanden vor.

Seit mehr als 25 Jahren machen die Niederlande gute Erfahrungen mit einem Programm, an dem Menschen mit Demenz (leicht bis mittelschwer) und die sie pflegenden Angehörigen teilnehmen. Dabei werden die emotionalen und sozialen Themen des Zusammenlebens einzeln und gemeinsam besprochen, insbesondere auch Beziehungsthemen zwischen Person mit Demenz und Angehörigen aufgegriffen. Hierfür werden verschiedene Arbeitsformen und Formate, u.a. auch aus der Familientherapie genutzt. Zudem werden soziale Aktivitäten, Informationen, praktische Hilfen und vieles mehr angeboten. Menschen mit Demenz und Angehörige kommen in Form eines Vereins (‚social club‘) bis zu dreimal in der Woche zusammen und werden von Professionellen (Sozialarbeiter, Psychologen, Pflegenden) und Freiwilligen begleitet. Im Vergleich zu Menschen mit Demenz, die an einem Tagespflegeangebot teilnahmen, konnte in den Niederlanden auch eine vergleichsweise bedeutsame Verringerung herausfordernden Verhaltens und Passivität sowie eine Zunahme positiven Sozialverhaltens festgestellt werden.

Im Rahmen eines europäischen Projektes wurden in England und Polen jeweils an 2, in Italien an 4 Standorten ein so ähnlich wie möglich gestalteter Treffpunkt eingerichtet. Eine erste Evaluation belegte eine hohe Zufriedenheit der Teilnehmenden Personen mit Demenz sowie der Angehörigen. In vorliegender Studie wurde untersucht, ob sich die Treffpunkte in ähnlicher Weise auch auf soziales Verhalten und Emotionalität auswirkte wie in den Niederlanden. Verglichen wurden Daten der Interventions- und einer Kontrollgruppe nach 6 Monaten. Daten von 75 Personen sowie deren Angehörigen (insgesamt 150 Personen) konnten genutzt werden.

Im Vergleich zeigen die Teilnehmenden deutlich höhere Werte für Selbstachtung, positive Affekte und Emotionen sowie Gefühle der Zugehörigkeit (‚belonging‘). Unterschiede in Bezug auf Depressivität und herausforderndes Verhalten fielen geringer bzw. weniger überzeugend aus. Agitiertheit und Aggressivität nahmen vergleichsweise deutlich ab und Apathie nahm deutlich weniger zu als in der Vergleichsgruppe. Interessanterweise aber zeigte sich folgender Zusammenhang: je kontinuierlicher und häufiger die Teilnahme, desto mehr positive Effekte in Bezug auf Verhalten und Emotionalität. Allerdings konnte nicht ausgeschlossen werden, dass dieser Effekt auch darauf beruhte, dass Personen mit deutlich schwierigem Verhalten auch geringer an den Angeboten teilnahmen.

Zusammenfassend kommentieren die Autoren: es ist möglich, bewährte Programme aus einem Land in andere Länder und dort auf verschiedene Standorte zu übertragen und das Ganze gut zu beforschen. Es sei wichtig, in Bezug auf psychosoziale Interventionen nicht nur den Rückgang negativer Symptome, sondern auch eine Zunahme von Lebensqualität und weitere positive Effekte festzustellen.  Der Erfolg des niederländischen Programms zeige erneut auf, dass psychosoziale Interventionen sich zugleich an Personen mit Demenz und deren pflegenden Angehörigen wenden müssten.

Brooker, D., Evans, S., Dröes, R.-M., et al (2018). Evaluation of the implementation of the Meeting Centres Support Program in Italy, Poland, and the UK; exploration of the effects on people with dementia. International Journal of Geriatric Psychiatry, 33, 883-892

Die Ergebnisse dieser Studie kontrastieren deutlich mit nachfolgender Studie:

Der Kommunikationsstil zwischen Partnern kann nur geringfügig verändert werden

Da sich die Demenz eines Partners auf die Partnerschaft auswirkt, stellt sich die Frage, ob und wie die Kommunikation zwischen beiden positiv beeinflusst werden kann. Insbesondere der Sprachverlust trägt zu Missverständnissen, Konflikten, zunehmendem Schweigen und Verlust gemeinsam empfundener Nähe bei. Bislang haben Interventionen zumeist nur pflegende Angehörige im Blick gehabt, nicht aber beide Partner sowie deren Beziehungsdynamik.

Vorliegende Studie untersucht Effekte einer Intervention, die beide Partner, einzeln und zusammen adressiert. (Caring about Relationships and Emotions= CARE) Basierend auf einer umfassenden Literaturrecherche wurde ein Interventionsmanual erstellt, gemäß dem ein Interventionist (Forscher) in 10 Sitzungen themenzentriert zunächst mit der Person mit Demenz, dann mit der pflegenden Angehörigen und dann mit beiden zusammen an der Verbesserung der Paarkommunikation arbeitete. Jede Sitzung endete mit ‚Hausaufgaben‘, über deren Bearbeitung bei der nächsten Sitzung reflektiert wurde.

Das zentrale Thema in den Sitzungen bildete die Bedürfnisse, Eigenarten, Defizite und Kompetenzen des jeweils anderen, die gemeinsame Paarbeziehung, den gemeinsam entwickelten Kommunikationsstil und Möglichkeiten, diesen zu verbessern. Im Anschluss wurden gemeinsame Paargespräche inszeniert, videographiert und ausgewertet. (insgesamt 118 Aufnahmen von je 10 Minuten)

Die Effekte dieser Intervention erwiesen sich als gering. Erleichternde/verbesserte Kommunikation seitens der pflegenden Angehörigen erhöhte sich nur im geringen Umfang und die Anzahl ungünstiger Kommunikationselemente reduzierte sich. Sozial günstige Kommunikationsstile seitens der Person mit Demenz nahmen dagegen deutlich zu, wenn man den Grad kognitiver Beeinträchtigung entsprechend berücksichtigte. Beide Partner bekundeten, dass sie mit den Gesprächen mit dem Interventionisten sehr zufrieden gewesen wären und davon profitiert hätten.

Allerdings konnte auch von vielen ungelösten Herausforderungen berichtet werden: Viele hatten große Mühen, sich in ihrem Kommunikationsstil zu verändern. Oft wurde vermehrt geschwiegen. Angehörige wurden sich der Defizite ihrer Partner verschärft bewusst und erlebten dies eher als entmutigend. An den ‚Hausaufgaben‘ wurde kaum gearbeitet. Pflegende Partner zeigten sich enttäuscht, dass sich der kranke Partner weniger als erhofft ändern konnte.

Immerhin resümieren die Autoren: Es ist möglich, mit beiden Partnern trotz Demenz über die Beziehung in Kontakt zu kommen und an deren Veränderung zu arbeiten. Es ist wichtig, an diesem Thema weiterhin zu arbeiten, da die kollabierende Kommunikation zwischen den Paaren als beängstigend und frustrierend erlebt wird.

Williams, C., Newman, D., Hammar, L. (2018). Preliminary study of a communication intervention for family caregivers and spouses with dementia. International Journal of Geriatric Psychiatry, 33, 343-349

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