Partizipative Pflege im Kontext der Expertenstandards

DNQP - Expertenstandard

-Post aus dem DNQP-

Die Begriffe „Partizipation“ und „Empowerment“ oder im deutschen „die Beteiligung und Mitwirkung von Patienten“ haben in den letzten Jahren auch in der Pflegewissenschaft und -praxis immer mehr an Bedeutung zugenommen. Doch was bedeutet es überhaupt den Patienten bei seiner Pflege am Prozess zu beteiligen?

Im Idealfall ist der Patient durch gezielte Information und Beratung in der Lage, gemeinsam mit den behandelnden Personen seine Interessen zu vertreten und die Behandlung so aktiv mitzugestalten. Der partizipative Ansatz geht davon aus, dass die eigene Gesundheit nur subjektiv und selbst bewertet werden kann und daher sollen die Betroffenen dazu befähigt werden, ihre Behandlungen oder gesundheitsfördernden Maßnahmen mitzugestalten. Dieser Wandel der Patientenrolle spiegelt sich bereits als genereller Bestandteil gesetzlicher Bestimmungen, sowohl im Bereich der Kranken- als auch der Pflegeversicherung, wider. Dort ist die Beteiligung von Interessenvertretungen der Nutzer*innen in Entscheidungsgremien und bei der Erarbeitung von Richtlinien vorgesehen (§ 140f SGB V, § 118 SGB XI).  Auch die Beteiligung an Qualitätsmaßstäben im Gesundheitswesen beeinflusst die partizipative Teilhabe. Als DNQP beteiligen wir die Nutzer*innen bei der Entwicklung der Expertenstandards. Ebenso sieht die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich-Medizinischer Fachgesellschaften in ihrem methodischen Vorgehen zur Leitlinienentwicklung die Berücksichtigung der Patientenperspektive vor (1). Auch im Rahmen des Programms zur Entwicklung Nationaler Versorgungsleitlinien des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin wird die Beteiligung von Patientenvertretern als Qualitätskriterium für hochwertige Leitlinien ausgewiesen (2).

Bestärkt wurde der Wandel aber auch durch gesellschaftliche Entwicklungen, wie durch Gemeindeprojekte und Bürgerinitiativen in den 1968er Jahren, bei den Bürger*innen bei Stadtentwicklungsprojekten eingebunden waren. Im Gesundheitswesen wurde der Begriff der Partizipation dann maßgeblich durch die Ottawa Charta der World Health Organisation (WHO) geprägt, die die Teilhabe der von Projekten angesprochenen Zielgruppe als grundlegendes Prinzip formuliert (3).

Auch Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen haben sich im Gesundheitswesen flächendeckend etabliert, um den Patienten als „Co-Produzenten“ seiner eigenen Gesundheit zu befähigen.

Menschen diese Teilhabe zu ermöglichen gilt in der partizipativen Gesundheitsforschung als Ziel, um die Lage dieser Menschen zu verbessern (Rosenbrock, R. u. Hartung, S. (Hrsg.) 2012: Handbuch Partizipation und Gesundheit. Bern. Hans Huber Verlag.). Dabei geht es darum, den betroffenen Menschen ausreichend zu informieren, um aktiv an der Entscheidungsfindung teilzunehmen. Es wird angestrebt, eine gesteigerte Zufriedenheit auf Seiten der Betroffenen bzw. Patienten zu erlangen.

Partizipation als Bestandteil der Expertenstandards?

Der Einfluss der Patientenorientierung und -beteiligung bei der Entwicklung, Konsentierung und Aktualisierung von Expertenstandards erfolgt in unterschiedlichen Formen. Die formelle Beteiligung zeichnet sich dadurch aus, dass bei der Entwicklung oder Aktualisierung eines Standards Nutzervertreter*innen und Vertreter*innen der Verbraucherorganisationen als Teil der Expertenarbeitsgruppe die Nutzerperspektive einbringen. Zudem führt das DNQP grundsätzlich vor der Veröffentlichung eines neu entwickelten oder aktualisierten Expertenstandards eine sogenannte Konsultation durch. Die Patientenorganisationen werden ausdrücklich dazu eingeladen, sich an den Stellungnahmen und den Diskussionen zu dem jeweiligen Standard zu beteiligen. Die Möglichkeiten der unterschiedlichen Beteiligungsformen im Rahmen der Konsultationsphasen haben wir in dem Blog Post „August 2020“ detailliert beschrieben. Neben diesen wichtigen Mitwirkungsmöglichkeiten bei der Entstehung und Aktualisierung von Expertenstandards, wird die Patientenorientierung und -beteiligung ebenfalls als inhaltlicher und fester Bestandteil der Expertenstandards angesehen. Die aktive Auseinandersetzung mit den Patienten und Angehörigen über die geplanten pflegerischen Maßnahmen sowie die Einbeziehung von Wünschen zu pflegerischen Behandlung gelten als zentrale Bestandteile eines jeden Standards. Die Ebenen zur Anleitung und Planung der Maßnahmen sowie der Beratung, Schulung und Information ermöglichen diese Patientenbeteiligung. Das Ziel besteht darin, Patienten und Angehörige zu einer informierten Entscheidungsfindung zu befähigen und somit die Möglichkeit einer eigenständigen Entscheidungsfindung zu ihrer Versorgung zu geben. Dabei ist aber immer zu beachten, dass die Mitwirkung von dem kognitiven Zustand und der Selbstmanagementkompetenz des Betroffenen abhängig ist. Die partizipative Beteiligung wird innerhalb der Expertenstandards ermöglicht und begünstigt, aber auch ohne die aktive Mitwirkung der betroffenen Menschen soll immer im Sinne dieser gehandelt werden.

Somit können auch die Expertenstandards ihren festen Beitrag zu einer partizipativen Pflege beisteuern und möchten mit unterschiedlichen Beteiligungsmöglichkeiten zu einem partizipativen Verständnis in der Pflege motivieren.


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Dalien Stomberg

d.stomberg@hs-osnabrueck.de

www.dnqp.de


Quellen

  1. https://www.awmf.org/leitlinien/awmf-regelwerk/ll-entwicklung.html
  2. https://www.aezq.de/mdb/edocs/pdf/schriftenreihe/schriftenreihe33.pdf
  3. https://www.bzga.de/aktuelles/2019-06-14-bundeszentrale-fuer-gesundheitliche-aufklaerung-erhaelt-exemplar-der-ottawa-charta/

Rosenbrock, R. u. Hartung, S. (Hrsg.) 2012: Handbuch Partizipation und Gesundheit. Bern. Hans Huber Verlag.

2 Antworten

  1. Heike Jurgschat-Geer sagt:

    Die Ausführungen bleiben deutlich hinter dem Geist der UN-BRK zurück und deuten auf ein noch in Teilen bestehendes asymmetrisches Interaktionsverständnis hin. Ich würde mir eine deutlichere Positionierung auch im Sinne der UN-BRK und deren Umsetzung wünschen.

    • Dalien Stomberg, DNQP sagt:

      Vielen Dank für das Lesen unseres Beitrags und Ihren wertvollen Hinweis. Diesen werden wir gerne in unsere Diskussion zum Thema Partizipation im Kontext der Expertenstandards aufnehmen. Viele Grüße vom DNQP-Team

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