Pflege – ein Wirtschaftsfaktor

DZLA_Care_Arbeit_Wirtschaftsfaktor

„Pflege ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor“: Das stellt das deutsche Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in einem regelmäßig aktualisierten Report 2019 fest und rechnet vor:

Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen erzeugten 2019 eine Bruttowertschöpfung in Höhe von 43 Milliarden Euro (ambulant: 18,9 Milliarden Euro; stationär: 24,2 Milliarden Euro). Damit rangiert die Pflege im Gesundheitswesen an dritter Stelle hinter Krankenhäusern (69,5 Milliarden Euro) und Arztpraxen (65,6 Milliarden Euro).

https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Artikel/Branchenfokus/Wirtschaft/branchenfokus-pflegewirtschaft.html [1]

Diese Berechnungen bilden jedoch nur einen Teil der tatsächlich geleisteten
Sorgearbeit oder Care-Arbeit ab. Der Begriff Care-Arbeit umfasst Tätigkeiten des Sorgens und Sichkümmerns. Hierzu gehört die Kinderbetreuung, Altenpflege, familiäre Unterstützung, freundschaftliche Hilfe, etwa beim Einkaufen bis hin zur Unterstützung bei Krankheiten und die Sterbebegleitung.

Diese Tätigkeiten werden in der „Häuslichkeit“ geleistet und dort statistisch nicht erfasst. Kritische Gedanken zur Verwendung des Begriffs der „Häuslichkeit“ hat mein Kollege Detlef Rüsing in einem Kritisches Glossar zusammengefasst. [2]

Weitere Berechnungen des Familienministeriums und des Statistischen
Bundesamts zum Zeitaufwand zeigen eine „Gender Care Gap“. Also einen
Unterschied beim täglichen Zeitaufwand für unbezahlte Sorgearbeit von Frauen und Männern. Danach leisten Frauen täglich 52,4 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Dies entspricht einem Zeitaufwand von täglich einer Stunde und 27 Minuten.[3] Teilzeitbeschäftigung und ein wirtschaftlicher Nachteil komme zudem bei Frauen deutlich häufiger vor als bei Männern.

Nach einer Studie der Hans-Böckler Stiftung [4] werden mit dem Wandel der Geschlechterordnung und der zunehmenden Erwerbstätigkeit [5] von Frauen Pflege- und Hausarbeit und weitere Care-Arbeit neu verteilt – weiterhin überwiegend zwischen Frauen. Migrantinnen aus armen Ländern bedienen die steigende Nachfrage in reicheren Ländern. In Deutschland arbeiten vorwiegend Frauen aus Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, der Ukraine und Moldawien unter schwierigen Bedingungen.
Laut Recherchen von Mitteldeutschen Rundfunk und der ARD sollen in rund 300.000 Familien rund 700.000 Osteuropäerinnen in Deutschland in der häuslichen Pflege beschäftigt sein. [6]

Eine vom Statistischen Bundesamt veröffentlichte Studie stellte bereits 2013 [7] zum Thema unbezahlte Arbeit fest:

Private Haushalte wendeten im Jahr 2013 für die unbezahlte Arbeit 35% mehr an Zeit auf als für die bezahlte Erwerbsarbeit. Anfang der 1990er-Jahre waren es sogar fast 50% mehr. Um die Versorgung mit Waren und Dienstleistungen umfassend abzubilden, darf die unbezahlte Arbeit aber nicht ausgeblendet werden. Selbst bei einer vergleichsweise vorsichtigen Bewertung beträgt der Wert der unbezahlten Arbeit etwa ein Drittel der im Bruttoinlandsprodukt ausgewiesenen Bruttowertschöpfung.

https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2016/02/unbezahlte-arbeit-022016.pdf?__blob=publicationFile [7]

In Politik, Wirtschaft und den Medien wird der Begriff Wirtschaftsfaktor häufig verwendet. Meist wird er einer bestimmten wirtschaftlichen Tätigkeit oder Aktivität zugeordnet, die die Wirtschaft in wesentlicher Weise beeinflusst. Die Berechnungen der „Pflegewirtschaft“ umfasst laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie Dienstleistungen stationärer Einrichtungen und ambulanten Einrichtungen. [8] Jede weitere „Care“-Arbeit wird in diesen Berechnungen nicht erfasst.

Durch den demografischen Wandel könnte sich der Pflegebedarf in den nächsten Jahrzehnten weiter erhöhen. Das Durchschnittsalter betrug in Deutschland 2019 in Deutschland 44,5 Jahre. Im internationalen Vergleich gehört die deutsche Gesellschaft zu den ältesten. [9]

Bisherige Berechnungen zur weiteren demografischen Entwicklung erscheinen jedoch ungenau auf dem Hintergrund der erhöhten Sterbefallzahlen [10] und weiteren Auswirkungen der Covid 19-Pandemie.

Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe und die Initiative „Wirtschaft ist Care“ [11] fordern ein Ende der „Billigdienstleistungsökonomie“. [12] Es müssen jetzt eine „tragfähige Struktur in den Sorgeberufen“ geschaffen werden, die „attraktive Arbeitsplätze mit guten Löhnen und Aufstiegschancen“ bieten.

Am „Equal Care Day“, machen verschiedene Organisatoren am 1. März auf die „mangelnde Wertschätzung und ungleiche Verteilung“ von Care-Arbeit auch in diesem Jahr wieder aufmerksam. [13]

Die Debatte um den Wert und die Anerkennung der hauptsächlich durch Frauen geleistete „Care-Arbeit“ ist nicht neu. Seit den 1970er Jahren verstärken sich die Forderungen aus Politik und Wissenschaft nach mehr Anerkennung und einer besseren Entlohnung von Care-Arbeit.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern fordert eine neue „plurale“
Perspektive auf die Wirtschaft. Im Gegensatz zu einer „neoklassische Modellökonomik“ fordert das 2008 gegründete „Netzwerk Plurale Ökonomik“[14] eine Methoden- und Theorienvielfalt bei der Analyse von Volkswirtschaften. Hierbei sollen etwa ökologische oder feministische Analysen berücksichtigt werden.

Inwiefern eine Neubetrachtung im Sinne einer „pluralen Ökonomik“ sinnvoll ist wird jedoch von einigen Volkswirten, wie Hans-Werner Sinn angezweifelt. [15]


Wenn sie eine Frage an uns haben: Dann nutzen Sie die Kommentarfunktionen unter den einzelnen Posts oder schreiben uns direkt!

Nils Hensel

n.hensel@hs-osnabrueck.de

Dialogzentrum Leben im Alter (DZLA)


Literatur/Quellen:

[1] https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Artikel/Branchenfokus/Wirtschaft/branchenfokus-pflegewirtschaft.html

[2] https://www.dzla.de/zu-hause-ist-nicht-gleich-zu-hause/

[3]
https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-diegleichstellung/
gender-care-gap—ein-indikator-fuer-die-gleichstellung/137294

[4] https://www.boeckler.de/pdf_fof/99891.pdf

[5] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/03/PD20_N010_132.html

[6] https://www.tagesschau.de/investigativ/fakt/pflege-polen-ukraine-101.html

[7] https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2016/02/unbezahlte-arbeit-022016.pdf?__blob=publicationFile

[8] https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Artikel/Branchenfokus/Wirtschaft/branchenfokus-pflegewirtschaft.html

[9] https://www.bib.bund.de/DE/Fakten/Fakt/B19-Durchschnittsalter-Bevoelkerung-ab-1871.html

[10] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/01/PD21_044_12621.html

[11] https://wirtschaft-ist-care.org/ ; https://www.zeit.de/arbeit/2019-01/care-arbeit-pflege-kinder-eltern-ina-praetorius

[12] https://www.fes.de/themenportal-gender-jugend-senioren/gender-matters/gender-blog/beitrag-lesen/oekonomie-neu-denken

[13] https://equalcareday.de/

[14] https://www.plurale-oekonomik.de/ ; Literatur: „Perspektiven einer pluralen Ökonomik“, Springer Verlag, 2019
https://www.springer.com/de/book/9783658161446#aboutBook

[15] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kritik-an-oekonomen-der-grosse-irrtum-1.2198333 ; Zusammenfassung der Debatte Mediendebatte um die Neuausrichtung der Ökonomik | (plurale-oekonomik.de)

Eine Antwort

  1. Heike Jurgschat-Geer sagt:

    Gute Zusammenfassung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.